Die Jugend streikt

Auf irgend eine Weise hat sie alle beeindruckt, die kleine Schwedin, Greta Thunberg. Seit sie am WEF aufgetreten ist, habe ich niemanden getroffen, der sie nicht gesehen, gehört hatte. Auf (fast) alle hat die junge Frau Eindruck gemacht. Irgendwie hat sie – man kann über ihre Motive spekulieren, ihren Antrieb analysieren wie man will – etwas geleistet, das weder unserer Regierung, die über die kleinste Annahme einer Klima Norm stolpert, noch dem grossen Donald mit seiner Negierung aller Klima Prognosen gelungen ist. Man denkt -wie immer kurz -mal nach!

Gerne besuche ich einen kleinen, feinen Laden in der Zürcher Innenstadt. Ich kann dort meinen Erinnerungen frönen, meinen eingepflanzten Textil Genen freien Lauf lassen, Exklusives aus der Textil Welt bestaunen, und nicht zuletzt einen Schwatz mit den Inhabern halten. Nicht nur finden wir immer wieder Andenken, seien es gemeinsame Bekannte oder Muster und Gewebe, welche in uns ähnliche Gefühle erzeugen.

Heute sind es unter anderem die Papiertaschentücher, über die wir uns unterhalten. Der liebenswürdige Inhaber erzählt von einer Gymnasiastin, die kürzlich in sein Geschäft kam, um Taschentücher für sich einzukaufen. Dies als Folge ihrer Beschäftigung mit den aktuellen Diskussionen. Sie wollte schöne weiche Tüchlein, denn für die „Tempo und Co.“ erklärte sie, holze man Hektaren von Wäldern ab, da man keine recyclierten Materialien zur Herstellung von hygienischen Papiertüchern und Kleenex verwenden könne.

Mein Vater, Textilfabrikant von Taschentüchern aller Art, hasste die Papierdinger seit sie von jenseits des Atlantiks zu uns geschwommen waren. Er lobte seine männlichen Artgenossen, die sich über lange Jahre weigerten ins Papier zu schneuzen, während die Damen die kleinen Päckchen praktisch fanden. Die Werbung mit der Hygiene störte meinen konservativen Papa ebenfalls. Was die eigentlich dächten, mit den Fetzen, die herum lägen, schwirrten auch Millionen von Keimen frei in der Luft, so seine Klage!  Kein Päckchen Tempo durfte es in seinem Haus geben!

Viele Männer benutzen heute Papier. Ich bin froh, dass immer noch eine ansehnliche Anzahlt Stofftaschentücher bevorzugt. Meinerseits habe ich die „Papierenen“ nur benützt, wenn ich kleine Kinder um mich hatte.

Vom Umweltschutz her braucht es Wälder, um die weissen Hygienischen zu erzeugen. Man kann sie nicht aus Recyclinggütern herstellen, nur aus neuem Holz. Aber ich bin mir auch bewusst, dass die „textilen“, die gewaschen und gebügelt werden müssen, im Laufe ihres langen Lebens ebenfalls Energie verbrauchen.

Lösungen? Mein Allerliebster hat eine gefunden: „MEE DRÄCK“! Er stellt sich vor, man benutze die textilen bis sie stünden vor Dreck, man wasche sich selbst nur einmal in zwei Monaten,   kurz man kehre zurück ins Mittelalter – dann, meint er – müsste weder Greta noch ihre vielen jungen Anhänger demonstrieren.

Ich bezweifle seine weisen Ratschläge und wünsche mir, ich wäre jung, energisch und idealistisch. Dann würde ich mit demonstrieren – nur in meiner Freizeit natürlich!

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Eine handgestickte Appenzeller Tracht war, ist und bleibt ein Bijou.

Nagellack

IMG-20190104-WA0002Der direkte Zug aus dem Hauptbahnhof Zürich war recht besetzt. Entgegen meiner neugierigen Natur setzte ich mich ohne auf mein Gegenüber zu achten auf einen freien Platz. Am Vormittag hatte ich die Ausstellung über den Landesstreik 1918 besucht. In Gedanken war ich noch immer bei den Meinungen, die die Kuratoren vertreten haben.

Eine Erstklässlerin mit dem innigen Wunsch die Haare wie alle anderen lang zu tragen, hat kürzlich das Plakat als Protest den Eltern gezeigt. Die Streikenden von 1918 trugen ihre Sonntagskleidung, Hut, weisses Hemd, dunkler Anzug, glänzend geputzte Schuhe. Sie trugen keine Transparente (wer hätte ein Leintuch damals verschnitten!) und waren unbewaffnet. Dagegen wurde die aufgebotene Armee bedrohlich dargestellt. Ich dachte darüber nach, wie sich die Unzufriedenheit im Laufe der Zeit immer anders manifestiert hat und schmunzelte in Gedanken an das Protest Plakat der Erstklässlerin.

Plötzlich erhebt sich die Dame vis-à-vis, und schreckt mich aus meiner Reflexion. „Es stinkt!“ schreit sie, und als ich sie anschaue, zeigt sie auf eine Frau im Abteil nebenan. Empört schnaubt mein flüchtendes Gegenüber noch „Nagellack!“ Nebenan sitzt ein Paar, das sich in einer slawischen Sprache unterhält. Die Frau hat offenbar ihre Nägel angestrichen. Mir ist es peinlich, als sie zu mir sagt, ich möge bitte entschuldigen, sie hätte keine Zeit gehabt, die andere Hand fertig zu lackieren.  Uns beiden ist klar, die Ursache des Ausbruchs meiner Ex Nachbarin war kaum der Geruch, es war vermutlich die osteuropäische Sprache. Ich fremdschäme mich wieder einmal, obwohl ich mir vorgenommen hatte, mit dem abzufahren!  Die Fremde lächelt. Mit ihrem charmanten Akzent sagt sie: „Es gibt gute und böse Menschen, man muss mit beiden Arten leben.“ Und sie bedankt sich bei mir für die Unterstützung, denn es brauchte nur Blicke und Gesten, um diese zum Ausdruck zu bringen.

Vielleicht sollte die SBB ein Plakat entwerfen: „In diesem Zug ist das Lackieren von Nägeln nicht erlaubt!“ Oder einfacher: „chli schtinkä mueses“

Triviales

Es ist so: je älter ich werde, desto weniger mag ich mich in der „Freizeit“ mit gescheiten Büchern beschäftigen. Es reicht mir, die Zeitungen energisch nach Brauchbarem und Lesenswertem zu durchsuchen. Aus diesem Potpourri von Information und Dokumentation bilde ich mir meine Meinung, zusammen mit den eher spärlichen brauchbaren Informationen, die das Fernsehen leistet.

Beim Fernsehen sind die Beiträge zu Ländern und Natur von mir geschätzte Unterstützung meines Wissens. Sie bringen mir auch Neues. Vieles kann ich mir sogar merken.

Doch sowohl beim Lesestoff wie beim Fernsehen neige ich immer mehr zum Trivialen. Was soll es, wenn ich nach eine guten Stunde „Tatort“ kribbelig und etwas aufgeregt nicht einschlafen kann. Einerseits mag ich die grauslichen, mit Ketchup beschmierten Toten nicht, anderseits stören mich die schlechte Aussprache, die übertriebenen Dialekte und die zu laute schreckliche Musik im Verständnis.

Und so greife ich zu Pilcher und Ffjorde, manchmal zum Traumschiff und zu Serien, wo der Patient immer gesund wird, die jungen Liebenden sich finden, und die älteren Menschen voller Elan die Welt verbessern.

Und in einem Trivial Roman von einer Autorin namens Anette Hennig mit dem Titel „Wenn die Kraniche wieder ziehen“ fand ich dann den spannenden Satz, den sie ihrer 98 Jahre alten Heldin in den Mund legt: „Das Alter ist nicht für Feiglinge“.

Ich habe eine Beziehung zu Kranichen, auch wenn ich hier über dem Text Gänse anbiete. Ich habe das Buch recht zügig gelesen, und der Satz über das Alter stimmt für mich. Wie sonst hätte ich hier offen gelegt, was ich fernsehe und was ich lese!

 

Sorgen

Dieses Wort höre ich eher traurig: Sorgen hat man, sich sorgen muss man, versorgen müssen die Kleinen, und versorgen muss man die Alten! Entsorgen ist seit meiner Jugend zu einer Wissenschaft geworden. Man kann das Wort auch fröhlich interpretieren: Sorgen für jemanden, für ein Tier, für eine Institution. Besorgen – besorgt sein, positiv besetzt.

Ich denke, wenn man den Nächsten bei den vielen Wünschen, die zirkulierten als das alte Jahr sich verabschiedete, „keine Sorgen“ verordnete, so ist das zu viel verlangt. Wir brauchen sie nämlich, diese kleinen und grossen Unpässlichkeiten, Traurigkeiten, Unsicherheiten, wir benötigen sie, um zu wachsen. Indem wir mit ihnen umgehen, sie verdauen oder vernichten erreichen wir einen glücklicheren Zustand. Es ist uns möglich, diese Plagegeister zu ENTSORGEN!

Schon haben wir die ersten Tage im 2019 gebodigt.

Gebodigt: ein Schweizer Ausdruckt, der wohl vom Schwingsport kommt. zu Ende gebracht, erledigt – vorbei. Vorbei ohne Glimmer, vorbei wie die Tage vor Weihnachten einer nach dem anderen, ähnlich wie eine Perlenkette. Da waren die Höhepunkte, vom Kalender diktiert. Jeder und jede haben sie anders gesetzt, verschieden gewertet.

Mauro und Marina sind in die Karibik geflogen und haben dort Wärme, Sonne und Sand genossen.

Selim und Selina waren auf der Alp Gorana und haben in einer Hütte am Feuer gesessen, Käse und Brot gegessen und Wein Getrunken. Tagsüber sind sie im Wald mit Schneeschuhen über die Schneefelder gerutscht.

Douglas und Doreen waren im Palace Hotel. Er spielte hie und da mit Kollegen Curling. Sie spazierte auf der Dorfstrasse und pflegte Kontakte mit den Bijouterien und Boutiquen. Silvesterball mit Band und Menu exclusive, Champagner und Kaviar; stilvolle Garderobe und angeregte unreflektierte Unterhaltung.

Urs und Ursina blieben daheim. Sie sahen sich die Tagesschau an, täglich zur gleichen Zeit. Sie gingen zu Bett, täglich zur gleichen Zeit. Am nächsten Morgen standen sie auf, täglich zur gleichen Zeit, gingen Einkäufe machen, täglich zur gleichen Zeit, Mittagessen, Abendessen alles immer zur gleichen Zeit. Weihnacht, Silvester, Neujahr alles im gleichen Muster. Sie hatten eigentlich gar nicht gemerkt, dass etwas geändert hätte.

Und? hat sich wirklich etwas geändert? Nach vier Tagen im Januar 2019 glaube ich auch, es geht einfach weiter. Ein etwas künstlicher, gekünstelter Höhepunkt, hinein manövriert in den Lauf der Dinge. Durch langjährige Traditionen aufgewertet, aufgeputscht, und durch religiöse Empfindungen hochgehalten. Die Traditionen sind nicht global gleich, die Religionen schon gar nicht. Es gibt noch andere Festzeiten, sogar andere Neujahrsfeste. Schön, dass wir all dies feiern oder nicht feiern können, ganz wie es uns behagt.

In diesem Sinne bin ich froh, geht es jetzt wieder gerade aus. Und für mich besonders wichtig: die Tage werden länger!

Sinn und Unsinn von Besinnlichkeit und Stress

Alle Jahre wieder werde ich aufgefordert, „besinnlich“ zu werden, keinen Stress zu haben oder zu verbreiten und mich zu freuen. Die Aufforderung hört ich wohl – allein mir fehlt der Glaube, um abgewandelt mit einem grossen Dichter zu sprechen.

Allein merke ich wenig davon, weder vom Stress, der in den Blättern vom Leitartikel bis zum Feuilleton genüsslich beschrieben wird, noch vom Besinnlichen, das ebenso von A bis Z hervorgeholt, beschrieben oder gar beschworen wird.

Eigentlich sehe ich nur die Kugeln, die Tannenbäumchen, die Sterne, alles farbig, golden oder silbern glänzend. Ich sehe Mitmenschen eilen von der Apotheke zur Drogerie, von der Migros zum Coop, vom Aldi zum Lidl. Aber sind sie alle wirklich so gestresst? Vielleicht geniessen sie ihn ja, den Adrenalin Stoss den man Stress nennt. Also jagen sie einfach mit den anderen mit. Hinterher oder voraus, je nach Temperament oder Wetter Einfluss. Man macht mit. Gruppendynamik halt.

Die Gruppendynamik spielt auch bei der viel gepriesenen Besinnlichkeit: worauf – eigentlich – wollten wir uns besinnen? War es das Menu für den Familien Abend oder die Einkäufe für die Enkel. War es ganz einfach das Bereitstellen der Medikamente, die zwischen den Jahren zu schlucken sein werden. Besinnen- vielleicht doch. Vielleicht ein kleiner Gedanke daran, wie gut wir es haben. In einem Land ohne Not zu leben, in einem Land, wo wir reden dürfen, wie es uns gefällt. In einem Land, wo Schulen, Spitäler, Altersheime und Soziale Einrichtungen funktionieren. Wenig Korruption, wenig wirklichen Ärger haben wir. Wir könnten uns darauf besinnen. Jeder nach seinem Credo, auf Religiöses oder Mitmenschliches, auf die Natur oder auf die Technik. Wir sind frei zu tun, was wir möchten, wie wir es möchten. Und wir dürfen auch Stress machen, wenn wir das unbedingt brauchen.

In diesem Sinne wünsche ich stressfreie, besinnliche Tage und

ES GUETS NEUS!

Festtagsstimmung ohne Schnee

Mischen!

Im Appenzell Innerrhoden hatten die Frauen das Stimm- und Wahlrecht lange nicht. Es mussten „fremde Richter“ eingreifen. Jetzt stehen die Innerrhoderinnen zusammen mit ihren Männern im Ring wenn im April Landsgemeinde Sonntag ist. Zuhause sind sie seit jeher die unbeschränkten Herrscherinnen über Haushalt und Budget.

Seit dem Buch und noch mehr seit dem Film „Wolkenbruch“ kennt die Schweizer Öffentlichkeit die Traditionen im orthodoxen Judentum. Wie im Appenzellischen ist es Aufgabe der Frau, Familie und Haus zu führen. Sie wacht über die Erziehung und Bildung, über die täglichen Pflichten und den Umgang ihrer Kinder.

Die Innerrhoderinnen und die orthodoxen Jüdinnen tragen gleichermassen traditionelle Kleidung, die Appenzellerinnen eher für festliche Anlässe, die jüdischen Frauen im Alltag wie an Festtagen

Wenn in Appenzell der Mann ein neues Hääs (Anzug, Gewand) braucht, geht er zum Herrenmode Geschäft. Seine Frau folgt ihm, schaut mit ihm die Kollektionen durch , empfiehlt ihm zwei Kleidungen zur Anprobe und wählt dann aus, welches dem Mann besser steht. Darauf zückt sie das Portemonnaie und bezahlt den Einkauf, nachdem sie noch ein Hemd und eine Krawatte ausgewählt hat. Auch sie ist Innenministerin mit Portefeuille Gewalt.

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Die Sagen Erzählerin, Kräuterfrau


Auf dem „Steene“-(Dialekt für Sterne) und „Lateene“ (dito für Laterne) Weg habe ich fünf wunderschöne Sagen im Innerrhödler Dialekt gehört. Anschliessend an die Wanderung den Laternen nach, traf man sich zu einer heissen Suppe. Eine waschechte Innerrhoderin, erzählte, sie habe heute ‚Grippe Impfung‘ gemacht:Sie habe den ganzen Tag immer wieder von ihrer Hühnersuppe gegessen, das helfe gegen Grippe und andere Leiden. Sie erklärte auch, welche Sorte Hühner sie verwende, und wie sie salze, und welche Gemüse sie beifüge. Und Nudeln. (typisch die „Hühnersuppe“ meiner Oma Fanny), da fährt die Dame fort: „D’Barbara hätt mer denn gseet, das sei ä Judesuppe, und das stimmi das die gege vieles hälfi. D’Jude essed diä au gäge alli Breschte“. (Die Barbara hat mir gesagt, das sei eine Judensuppe, und es stimmt wie diese gegen allerlei Beschwerden hilft. Die Juden essen diese Suppe regelmässig, um Beschwerden vorzueugen.)

Bei uns zuhause stand in dieser Jahreszeit neben der Menora für die Chanukka Lichter auch ein geschmückter Tannenbaum. Es war Brauch, das jüdische Lichtfest zu feiern und für die in unserem Haushalt lebenden Mitmenschen das Haus so zu schmücken, wie es für sie Sitte war. 

‚Man kann Traditionen mischen‘, hat mir kürzlich eine Freundin gesagt.  Es hilft, mehr Verständnis für einander zu  empfinden. Man kann nicht nur Traditionen mischen, man sollte dies tun!

Er ist so ein Lustiger

Letzte Woche traf ich Monique wieder einmal, die welsche Grossmutter, die ihre Familie als „Grandmaman“ kennt und liebt. Wir kamen ins Plaudern, und Enkel scheinen nun einmal ein unerschöpfliches Thema für die Grandmamans dieser Welt zu sein.

Monique berichtet vom Fünfjährigen Michel, gerade Kindergärtler geworden und halt „so ein Lustiger“. Und sie berichtet, sie habe ihm per Post einen Kleinen Adventskalender geschickt. Michel ist gut erzogen, er ruft an, um sich zu bedanken. Grandmaman freut sich, dass der Kleine das Geschenk schätzt und fragt ihn, ob er sich darauf freue am 1. Advent das erste Fensterlein zu öffnen. „Oh, das ist nicht nötig,“ tönt es ihr entgegen, „die habe ich schon alle geöffnet!“ Verblüfft erlaubt sich Monique darauf hinzuweisen, die Fensterlein sollten eines ums andere geöffnet werden, bis es Weihnachten ist. „Ja, weisst Du, Grandmaman, so ist es doch schon alles erledigt!“

Moderne Kindergärtler lernen Effizienz schon früh.

Advent

Ich würde so gerne stricken…

Seit frühester Mädchenzeit waren mir Nähen, Sticken, Häkeln und Stricken ein Gräuel. Ich erinnere mich ungern an Fräulein Knecht, die dazu berufen worden war, mich in diese Künste einzuweisen. Sie roch unangenehm, sie ass immer Äpfel, und wenn sie diese kaute und gleichzeitig meine verschwitzten, krummen Arbeiten zu korrigieren suchte, spuckte sie kleinste Apfelteile auf diese kümmerlichen Versuche. Dazu mochte sie mich schlicht und einfach nicht. Viel lieber hatte sie Monika, blond blauäugig und dazu noch katholisch, was noch extra Punkte brachte. Monika hatte die schönsten Hohlsäume, machte immer noch Extra Stücke, weil sie von allen am schnellsten fertig war. Ich war dankbar, wenn Monika an meinem Teil arbeiten durfte, während ich eine Geschichte vorlas. Das konnte ich eben, und das verhiess, meine bescheidenen Werke würden noch zu Ende geführt.

Aber davon wollte ich gar nicht erzählen: In Wien haben sich viele Omas zusammen getan. Sie haben rote und farbige Mützen gestrickt und sind auf die Strasse gegangen. Sie sind die letzten Zeuginnen der braunen Zeit, die letzten, deren Kopf und Herz sich an die Untaten und das Unglück persönlich erinnern. Sie wehren sich gegen diese neuen Ströme von Hass gegen Minderheiten und Fliehende, sie rufen auf zu  Menschlichkeit, Grosszügigkeit und Toleranz.Und es folgen ihnen schon die Opas, deren Gedächtnis jetzt auch geweckt ist. Ich wünsche ihnen allen Erfolg und „Follower“.

Und ich bedaure meine Faulheit bei Fräulein Knecht. Ich würde mir eine schöne Mütze stricken und auch auf die Strasse gehen. Bis jetzt ist es in unserer Schweiz kaum nötig, aber wer weiss?

Wie alt bin ich?

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Lebens Riesen Rad

Kürzlich hat meine Coiffeuse, Bianca eine lebenslustige, aparte Frau, getröstet: wegen eines Unfalls konnte ich meine Haare nicht waschen und fönen und besuchte sie für diesen aussergewöhnlichen Service. Ein Luxus, den ich sonst nicht nötig habe. Also, holte sie aus – weisst Du, ich habe viele alte Damen wie Du, die kommen regelmässig jede Woche zum Waschenfönen. Der Satz blieb hängen. Frisch gestylt und frohen Mutes verliess ich den sympathischen Verschönerungs Ort.

Hat sie jetzt „alte Damen“ wirklich gesagt? Wie Du??? Ich bin doch keine Dame! Und – bin ich alt?

Wie sehe ich mich denn? Ich vergesse meist, wie mein Haar weiss ist. Oft singe ich lauthals ein Lied aus meiner Jugend (nur im geschützten Raum meiner Wohnung), ich trete nach einem Ast und schaue zu, wie er auf dem Waldweg davon saust, wie ein Fussball damals. In solchen Momenten bin ich zeitlos. Nicht jung, nicht mittelalterlich und keine Greisin.

Mein Spiegelbild: ist es stets das Gleiche? Seit knapp 80 Jahren kann ich mich selbst sehen. Als Säugling war das Aussehen wohl unwichtig, da galt einfach zunehmen als Haupt Tugend. Heute ist es eher abnehmen. Macht mich das alt? Eine Dame werde ich wohl kaum mehr. Und mein Spiegelbild gefällt mir: ich sehe nicht die vielen Fältchen in den Wangen, um die Augen um den Mund. Ich sehe meine Augen, die bereits nach der morgendlichen Dusche neugierig wirken, meine weissen Haare, feucht und quirlig, glänzend, wie die schwarzen von ehedem. Der Hals? Ja, nicht so schön. Aber pflegeleicht und funktionstüchtig. Und weiter unten: dort wo Taille war, ist es einförmig, aber der Busen sitzt noch. Die Arme und Beine funktionieren, die Fesseln sind sogar noch schlank.

Eine Dame war ich nie und werde nie eine werden. Alt war ich früher nicht und bin es wohl geworden. Sorgfältig gehe ich mit den zunehmenden Jahren um. Meine Langsamkeit hilft mir, genauer zu werden, meine Senioren Fitness hilft mir nur zu stolpern und nicht zu fallen. Meine Schritte in Laufschuhen sind nicht elegant, also keine Dame! Aber aufrecht in Geist und Haltung.