Selbstschutz

Wahrscheinlich war ich nie sehr selbstbewusst. Die mich kennen, werden die Hände zusammen klatschen und laut „aber nein“ rufen, denn offenbar wirke ich auf andere eher forsch. Diese Tatsachen kann ich nicht erklären, denn nur ich selbst weiss, oder eher noch, habe gewusst, wie elend es mir immer war, wenn ich auffiel, wenn ich etwas allein und vor anderen Menschen erledigen sollte, ja, wenn ich einen Auftrag zu erledigen hatte. Schickte mich der Vater zum Beispiel zum Blumen pflücken und einem anschliessenden Besuch mit Blumen Abgabe, so zitterten mir die Knie vom Moment an, wo ich an der besagten Haustüre klingelte, bis ich wieder draussen war.

Schon früh, glaube ich, hatte ich ein ganz besonderes Mittel gefunden, um meine Scheu und mein ungeheuer schwaches Selbstbewusstsein zu verstecken. Ich fand heraus, dass es heilsam für mich wäre, mich über mich selbst lustig zu machen. Mit dem Satz „schau mal, was ich wieder Dummes gemacht habe“, zeigte ich auf einen grossen Klecks auf dem weissen Blatt, das zu bemalen war. Konnte ich die Schuhe nicht perfekt binden, rief ich der Kameradin zu „ich bin einfach heute so ungelenk, und nein, eigentlich immer, kannst du mir bitte…“. So wurde ich auch etwas beliebter. Und diese Folge half mir, etwas bestimmter aufzutreten.

Wenn natürlich zwei starke Lausbuben mich an einen Zaun fesselten – es war Fasnacht und sie waren Indianer – konnte kein noch so ironisches Selbst-herunter-machen helfen. Unbeweglich hing ich in den Seilen am Zaun und getraute mich nicht einmal, zu rufen. Still vor mich hin weinend wartete ich, bis sich endlich jemand meiner erbarmte.

Die Taktik funktionierte für mich über die ganzen ersten fünfzig Jahre meines Lebens. Äusserlich wirkte ich oft suverän, bestimmt, sicher. Die inneren Zweifel, das Zittern, das Schwitzen kurz, die Angst nicht zu genügen, die mich stets begleitete sie wurden erst behoben als ich Grossmutter wurde. Dass ich kürzlich zur Urgrossmutter avanciert bin, hilft meinem inzwischen recht gesunden Selbstbewusstsein bestimmt noch einmal!

C – Wörter und Versandkataloge

Zu gerne hätte ich gerne mal eine Stunde, eine Woche, einen Tag oder gar mehr ohne die C-Wörter. In der Zeitung, im Radio, im T V und natürlich in (fast) jedem Gespräch, in jeder Unterhaltung.

Haltung: die einen zweifeln, die andern glauben, die dritten mutmassen und die vierten fluchen. Nützt alles nichts – C ist allumfassend!

Im Gefolge kommen die Mails und das viele, viele Papier – schade um die Arbeit der Post und vor allem schade um die vielen Bäume!

Ich erinnere mich: als Papa nicht mehr ausgehen konnte oder wollte, steckte er den Kopf leidenschaftlich in die Versandkataloge. Er schaut und verglich, schaute und rechnete, schaute schliesslich und bestellte. Natürlich alles aus seinem Fauteuil im Wohnzimmer aus. Die von ihm verteufelten Rechner hatten keinen Platz in seinem Heim. Es genügte ihm zu wissen, dass diese unglücklichen und Unglück bringenden Dinger den Leuten die Arbeit weg stahlen! Also rechnete er Kopf. Danach füllte er den Bestellschein aus, leckte die Briefmarke und wartete.

Das Bestellte kam, sei es etwas Praktisches, Nützliches, etwas Schönes oder etwas Unbrauchbares. Es wurde geliefert, ausgepackt, begutachtet, bezahlt und behalten.

In der Flut von Angeboten, die sich als Folge von C über uns ergiesst, denke ich oft an Papa und seine „Einkäufe“.

MAMA

Mit dem Älterwerden kommen die Gedanken in der Dusche zumeist auf einem weiten Weg zu mir. Sie erreichen mich aus Tiefen, und die Erinnerung wird plötzlich wieder so lebendig.

Muttertag. Erste Klasse Primarschule. Die ersten paar Wochen Unterricht liegen hinter den vierzig kleinen Mädchen, die mit mir bei derselben Lehrerin Lesen und Schreiben lernen.

Schon naht der Muttertag. Für die Oma, stets schwarz gekleidet, mager, etwas verhärmt, ein schlimmer Tag. Ihre Tochter, meine Mutter, wird ihr nie mehr etwas zum Muttertag schenken. Schon seit sechs Jahren liegt sie auf dem Friedhof.

Als die Lehrerin den Schülerinnen verkündet, man mache ein Geschenk für die Mama, strecke ich, wie gelernt, meinen Arm, meine Hand mit dem Zeigefinger voran. Endlich nimmt sie mich wahr. Ich erkläre, ich hätte nur die Oma zuhause. Das macht nichts, ist die kurze Antwort. Die Lehrerin verteilt jedem Kind ein Kärtchen. An die Wandtafel schreibt sie MAMA. Es ist noch Krieg, und Papier ist rar. Auf das Kärtchen dürfen wir das Wort schreiben und mit Farbstiften einen Blumenkranz darum. Grosser Luxus, denn wir schreiben sonst auf eine Schiefertafel mit Griffeln!

Das Kärtchen bringe ich der Oma am Samstag vor dem Muttertag. Ich verstehe nur halbwegs, warum sie weint.

Der 8. Mai

Ich lese von Axel Buddenbaum „Kriegsende und Neuanfang“ anlässlich des Datums. Eine ganz ander Sichtweise, als die mir geläufigen. Für mich ein hochinteressantes Dokument, wie es „den Deutschen“ seinerzeit ging….

Schweizerin, Jüdin, Frau – ich habe als kleines Mädchen noch erlebt, wie die Sirenen kreischten und wusste, ich muss in einen Luftschutzkeller wo immer ich auch bin. Ich habe Erinnerungen an Lebensmittelknappheit, Kartoffeläcker in vormals eleganten Gärten, an Kohlenspeicher in eben diesen und vieles anderes, für meine Kinder Selbstverständliches, das in jener Zeit wunderlich, unerreichbar, ja kaum wünschbar war! Als Friedrichshafen bombardiert wurde, konnten wir das Leuchten der Bombenangriffe hinter dem Dach des Nachbarhauses in der Ferne sehen!

Der heutige Tag ist normal, so normal, wie die Tage eben in Corona Zeiten sind. Gegen Abend kommen Telefone von Freundinnen. Der nahe grosse Mond hat uns alte Schachteln letztens schlecht schlafen lassen. Man langweilt sich, man möchte raus. Man möchte jemanden umarmen. Noch viele Wünsche werden wach. Und doch sind wir zufrieden. Wie ich schon erwähnte, sind wir eine glückliche Generation.

Das Telefon von meinem Freund Ernst ist anders. Er ruft von der Ostküste der USA an, wo er und seine Familie schon lange zuhause sind. Ernst ist mit mir in die Primarschule gegangen. wir sind seit Kindsbeinen befreundet. Jetzt heisst er Ernest und redet Amerikanisch. Noch etwas älter als ich, teilen wir viele Kindheitserinnerungen und -Erlebnisse. Er erzählt gut gelaunt von einem kleinen Spaziergang heimkommend von der Familie und von seinem Rentnerleben. Der 8. Mai. Ja sagt er, European V-Day. Und „weisst du noch“, folgt. Er ging in ein Schulhaus, das genau gegenüber des Fabrikgebäudes lag, wo sein Cousin arbeitete. Ernst und vier Schulkameraden mussten bei Sirenenalarm in dieses Gebäude rennen und dort in den Keller.

In seiner Erinnerung wird es fröhlicher. Die fünf Buben gingen in ein Büro und spielten dort mit Material oder Papieren. Bei Endalarm gings zurück ins Schulzimmer. Flogen die Bomber vom Einsatz zurück, ging der Alarm von neuem los, und die fünf hatten nochmals ein „Käferfest“.

Ernest ist ein glücklicher Amerikaner geworden. Sein Vater wurde in Dachau umgebracht. Er floh mit seiner Mutter via Belgien und Holland nach Frankreich. Auf abenteuerlichen Wegen kam er in meine Heimatstadt, wo er bei Verwandten Unterschlupf fand. Nach dem Krieg emigrierte er in die USA, wurde GI. Als Übersetzer wurde er dank seiner guten Deutschkenntnisse bei den Nürnberger Kriegsverbrecher Prozessen eingesetzt.

Wie gesagt, er hat telefoniert. Er ist ein zufriedener, dankbarer, demütiger amerikanischer Staatsbürger.

Count your blessings

Farbenfrohes Leben

Ich schreibe für, mit und in den achtzigern. Nicht die Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhundert, da waren wir noch Jungspunde, nein ich meine die vermaledeite Altersgruppe, die heute mit Hochrisiko, Daheim-zu-bleibende und sowieso übrig Gebliebene apostrophiert wird.

Es fällt mir in den vielen Ferngesprächen auf, wie zufrieden wir eigentlich sind, sein sollten, gewesen waren, je nachdem wer denn am anderen Ende der viel benützten Strippe sitzt, liegt oder steht. Sie – die am anderen Ende – haben nämlich alle auch Altersgebrechen: Rücken, Nacken Schulter Hüfte, nennen wir das Teil: es schmerzt! Anne kann nicht sitzen, Rosa liebt es, mit dem Hörer rumzulatschen, um die Zirkulation am Laufen zu halten, während Roland es vorzieht, auf einem harten Stuhl sitzend sich zu äussern ohne zu husten.

Mit diesen Einschränkungen, und noch einigen zusätzlichen, versichern wir uns immer wieder, welch glückliches Schicksal wir haben. Unser gemeinsames Geburtsdatum, knapp vor dem zweiten Weltkrieg, bewirkte unseren glücklichen Lebenslauf. Da waren Einschränkungen, Rationierung, Knappheit, ungeheizte Wohnräume, das Elend der Verfolgten, die überlebten, der Hunger in den Kriegs geschädigten Gegenden der Welt. Doch wir, in der Schweiz konnten schon bald nach 1945 aufatmen. Es begann langsam und bedächtig eine Zeit, in der Öffnung, Verständnis, Hilfsbereitschaft und letztlich Wohlstand wuchsen. Sie lösten Engstirnigkeit, Verdrossenheit, Not, Knappheit und Neid weitgehend ab.

Unsere Schulzeit reichte von Schiefertafel, Kreide und Schwamm über eigene Bleistifte, Farbstifte, Wasserfarben zu einem Füller und darüber hinaus zu einem Schreibmaschinenkurs. Gleichzeitig wurden Aktivitäten wie die Schulreise ausgebaut. War man anfangs dankbar für einen Ausflug in den nahen Wald, so konnten wir am Ende der Schulzeit schon eine Reise nach Florenz unternehmen. Grenzen, geschlossen als wir Primarschülerinnen waren, öffneten sich. Und unsere Kinder kannten schon kaum mehr Kontrollen, wenn wir Freunde im benachbarten Italien besuchten.

Wir waren Wachstums-gläubig, nahmen am Rande das Bestreben nach mehr Naturschutz wahr, doch die Überzeugung, es gehe ungebremst weiter, begleitete uns im Unterbewusstsein. Das Wachstum war per se gut, ohne Ansehen der negativen Auswirkungen auf Natur, Gesellschaft und Handel. Es ging recht lange, bis wir uns mit negativen Folgen ernsthaft auseinandersetzten, meist durch unsere Kinder darauf aufmerksam gemacht.

Es ging uns gut, uns Achtzigjährigen, während unseres Lebens. Und eben diese Erkenntnis verbindet uns, hilft uns und macht uns stark wenn wir Telefon Konversationen mit „wie geht es heute“ oder „was machst du jetzt gerade?“ und „hast du gehört, dass..?“ beginnen. Hören wir dann Ungemach, Krankheit, Verlustmeldungen, dann können wir zurück denken. We count our blessings, wir zählen die Segnungen, die uns in diesem langen Leben zuteil wurden!

Eine Zeitblase?

Die Gespräche um unsere Isolation tönen ähnlich: heute geht es gut, mittelprächtig, und heute, nein, heute geht es miserabel. Heute an diesem Freitag, nein es ist ja erst Mittwoch fällt mir die Decke auf den Kopf, möchte ich mir die Haare raufen, regt mich der Rasenmäher Lärm auf und so weiter. Wenn diese Gefühle im Laufe des normalen Lebens v.C., also vor Corona, geäussert werden, wird man je nach dem als heiterer Mensch, als launische Nudel oder als Jammertante qualifiziert.

Nicht so in diesen Wochen, es ist i.C. (IN Corona), und wir sind alle etwas empfindlicher. Es nervt schon, wenn die beiden, die mir auf dem Waldweg begegnen, nicht gewillt sind, hintereinander zu gehen, während wir uns kreuzen. Es nervt, wenn jeden Abend um fünf Uhr, wir erwarten auf dem Sonnenbalkon das Glas Weissen, der Säugling von gegenüber seine Schreistunde hat. Und alles das jetzt so nervt nimmt i.C. ungeahnte Dimensionen an. Während es in der v.C. Ära genügte, kurz das Fenster zu schliessen, wird jetzt im i.C. Modus geächzt und geklönt, bevor man den müden Popo erhebt und sich von dem Schreisäugling räumlich entfernt. Dies eine Bestandesaufnahme meiner i.C. Zeitblase,

Die Zeitblase gibt es aber auch ausserhalb des Ausserordentlichen. Schaut ihr auch in den Spiegel? Seht ihr die Person, die euch da anblickt? Kennt ihr sie? Ich meinte viele Jahre lang, ich wüsste wer ich bin, wie ich aussehe, wie ich mich fühle, wo ich bin, und vor allem dachte ich mein Alter wäre mir bekannt! Doch mit den Jahren die ich zulegte, schwand mein Verständnis für diese Zahlen. Ich kann es je länger je weniger glauben, dass ich in diesem neuen Jahrhundert schon bald zwanzig Jahre lebe! Wie war das doch aufregend, 2000 zu schreiben, wie spannend zu diskutieren, ob die Computer das alles schaffen würden. Das grossartige Erlebnis des Jahrtausenwechsels erlebte ich auf einer Tropeninsel, bei einem Tropengewitter, Blitz und Donner statt Feuerwerk, regennassen Tischtüchern und mit einer beginnenden Lungenentzündung meines Gefährten, im Hotelzimmer im Bett. Es gab da einen Fernseher. Wir konnten von Samoa bis zu den Osterinseln sehen, wie rund um den Globus Hallo 2000 gefeiert wurde. Es hatte begonnen, dieses Jahrtausend, wir waren dabei gewesen. Und?

Heute rief mich ein Freund an, Ungare mit viel Schweiz drin. Es war auch so ein Isolationsgespräch. Wie gehts? Wer kauft ein? Wie ist das Befinden? Aus dem Trott komme ich, als er mich aufmerksam macht: „wir haben ja schon zwei Jahrtausende in unserem C.V.( Lebenslauf, nix mit Corona), wir haben schon so viele Kriege und Katastrophen gesehen, wir haben Knappheiten und Überflüsse erlebt, Dürren und Überschwemmungen, Abstürze und Einbrüche, Erfindungen und Entdeckungen. Ich frage ihn unterbrechend: Ja und, bist du dir bewusst, wie alt wir sind? Nein, er lacht mit mir, wir bleiben doch einfach jung!

Scharlach 1947

Die „Seuche“ führt mich „unter der Dusche“ wieder einmal in die Kindheit. Es waren Frühlingsferien, die unheimliche Krankheit Scharlach – sie ist heute „ausgestorben“ – lehrte die Bevölkerung das Fürchten. Vor allem Kinder waren betroffen.

Es waren schöne Frühlingsferien. Ruthli aus Zürich, genannt Bubu, war bei uns auf Besuch. Als Einzelkind gefiel es mir, Tag und Nacht eine Ersatzschwester zu haben. Natürlich durften wir im gleichen Zimmer schlafen. Und auch unsere Tage waren voller gemeinsamer Abenteuer. Der Garten lud zum Springseilen, der nahe Wald zum Erkunden von Tieren und Pflanzen. Sonntags machte der Vater mit uns einen Ausflug.

Das Ende dieser Ferien wurde von mir trotzdemm herbei gesehnt. Dann nämlich würde ich eine Viertklässlerin sein. Nicht mehr zum „Fräulein Fischer“ in die „Dritte“ im Schulhaus mit den „Erstgixli“! Es wartete ein Lehrer auf mich. Ich freute mich auf die Realien und hoffte, das schwierige Rechnen einer Oberstufen Schülerin zu meistern.

Doch dann schlug das Schicksal zu: Bubu wurde krank. Der herbei gerufene Kinderarzt, Doktor Hoffmann mit dem strengen Blick hinter dem Zwicker, bestätigte „Scharlach“. Das hiess: Bubu musste erstens im Bett bleiben. Zweitens durfte ich nicht mehr zu ihr. Drittens würde sie von ihrer Mutter nach Zürich zurück gebracht werden. Und das Schlimmste: viertens musste ich in Quarantäne: sechs lange Wochen würde ich nicht mit anderen Kindern spielen dürfen und nicht zur Schule gehen.

Ich war so traurig. Da würde ich die ersten Wochen als Viertklässlerin verpassen! Den neuen Lehrer als Letzte kennen lernen. Und wer würde neben ihr sitzen? Aus Wut schlich ich mich ins Krankenzimmer von Bubu. Ich legte mich nahe bei der Freundin in das Bett. Und hoffte, ebenfalls an Scharlach zu erkranken. Dann wäre es vielleicht nicht so schlimm, allein zuhause zu bleiben….

Bubu wurde wieder gesund! Ich blieb gesund. Nach unendlichen Quarantäne Wochen durfte ich wieder zur Schule. Grosse Freude: die Realien Stunde war spannend. Es gab sogar ein Terrarium im Schulzimmer. Grosses Leid: die Freundin hatte sich neben ein anderes Mädchen gesetzt. Mir blieb ein letztes Plätzchen. Ich habe sowohl die Scharlach wie das letzte Plätzchen überlebt!

Auch Getreide ist widerstandsfähig!

G

Einkäufer und Ausläufer

Als Folge der Quarantäne lasse ich einkaufen! Es gibt da verschiedene Möglichkeiten: Familie, Freunde, Fremde. Jede dieser Annehmlichkeiten hat auch eine nachteilige Seite, und ich wechsle deshalb einfach ab. Gemeinsam haben sie eines: es wird für mich eingekauft und es wird mir gebracht. Diese Tatsache hat meine Gedanken – wieder einmal unter Dusche – aktiviert. Und sie gingen, wie fast immer, zurück in meine Kindheit.

Es war die Zeit kurz nach dem Krieg. Die Welt begann sich langsam zu öffnen. Nach den GIs, den US Soldaten auf Urlaub, kamen die ersten Ausländer in unser Land. Ausländer in friedlicher Absicht, die Wiedereröffnung des Handels und einen Hauch Freiheit und vor allem Hoffnung auf neuen Wohlstand verhiessen. Bei uns zuhause hiessen sie schlicht „die Einkäufer“. Sie kamen aus oft Englisch sprechenden Gegenden der Welt. Sie waren immer formell gekleidet. Ihre Hemdenkragen und Krawatten wirkten auf mich fremd und anders als die des Vaters und Grossvaters, eben Ausländer halt, Einkäufer! Mein kleines Hirn reagierte auf die fremde Sprache, und es gelang mir recht schnell, einzelne Brocken der verschiedenen Englischen Dialekte zu verstehen. Es gab da auch extravagante Figuren, einer war farbenblind, was auf alle Sprachen die gleichen Merkmale produziert. Er trug nämlich meistens verschieden farbige Socken. Er war so auch von seinem Zwillingsbruder zu unterscheiden, der nicht farbenblind war. Und ebenfalls Einkäufer. Lustigerweise hiess das Bruderpaar mit Nachnamen „Grey“.

Alle diese Menschen – es gab vereinzelt auch originelle und sehr elegante Einkäuferinnen – würden dazu beitragen, so erklärte mir mein Vater, dass alle die Arbeiterinnen in unserer Fabrik wieder ihr Auskommen hätten, und dass es uns gut gehe. Gerne wollte ich, dies. Aber ich fand die Einkäufer trotzdem sehr mühsam! Das Reisen in diesen beginnenden Fünfzigerjahren des vergangen Jahrhunderts nahm viel Zeit in Anspruch. So blieben die viel beachteten Ausländer jeweils länger in unserer Stadt. Die „Stickerei Herren“ buhlten um die Gunst der Kunden mit Essenseinladungen und Ausfahrten, besonders an schönen Sonntagen. Nie wäre es jemandem in den Sinn gekommen am Sonntag Muster vorzulegen und Auftragsbücher zu füllen. Ich erinnere mich an viele Ausflüge in englischer Sprache und mit bunten Krawatten um die Hälse der beliebten Einkäufer in die „nice green hills“ des benachbarten Appenzellerlandes. Mir war es sehr langweilig. Ich merkte nicht einmal, dass ein Grundstock gelegt wurde für meine Englisch Kenntnisse. Ich hätte ja auch Geographie des Nachbarkantons lernen können….

Nice Green Hills….

Soviel zu den Einkäufern. Meine Bestellungen aus der Quarantäne werden mir gebracht. Je nachdem von Familie, Freunden oder Fremden. Und dies bringt mich zu den Ausläufern. Diese Menschen waren schon in meiner frühen Kindheit also während und kurz nach dem Krieg im Alltag präsent. Sie waren täglich unterwegs und brachten Waren ins Haus. Meistens per Velo und mit einer grossen Kränze auf dem Rücken. Da kamen grosse Laibe Brot, ein Stück Braten, manchmal sogar Gemüse oder Früchte. Als der Wohlstand zu wachsen begann, waren die Ausläufer auch „besser gestellt“. Die Geschäfte hatten kleine Automobile, oft gespritzt mit ihren Namen, einem Brot oder einem Haxen, gekennzeichnet und so fahrende Reklamen! Hiessen sie anfangs noch Fritz oder Hans und bekamen einen Zehner bei Ablieferung, so wurde daraus „“Herr Matzenauer“, oder „Herr Behringer“, und sie waren Chauffeure- das Trinkgeld wurde dem entsprechend und aufgrund der Inflation angepasst!

Ich glaube, Einkäufer gibt es immer noch bei den grossen Konzernen, aber das Wort Ausläufer ist wohl ausgestorben!

Gedanken am sonnigen Sonntag

Aussicht am Sonntag

Da bin ich wieder: noch ungeduscht und ohne Gedanken, aber bei weitem nicht gedankenlos, unterwegs, entgegen den Wünschen der Jüngeren, die mich nach Hause, oder ins Pfefferland wünschen, denn sie, die Unbesiegbaren, haben alle Rechte, und wir , die „Alten“ und Risikomenschen, sollen gefälligst da bleiben! Nun, es ist noch früh am Morgen, ich denke, es tut mir gut, die Sonne über dem See zu sehen, die grünen Wiesen und die blühenden Sträucher. Meine Begegnungen heute sind friedlich, manch einer bemüht sich darum, wenigstens zu nicken und hie und da kommt sogar ein Grüss Gott vom Nächsten. Die Appenzeller haben da eine Tradition, wenn sie einander auf den schmalen Pfaden des Alpsteins begegnen: „Grüssgottadiö“ , sagen sie schnell, und schon sind sie weiter. Wäre doch etwas.

Es soll früher Völkergruppen gegeben haben, die ihre Alten umbrachten, wenn das Überleben des Stammes durch Hunger oder Seuchen gefährdet war. Hoffentlich kommt es hier und auf der ganzen Welt nicht so weit! Es sterben ja so viele Junge und Alte wegen Krieg und Hunger! Doch, vielleicht ist die neue Krankheit ein Mittel der Natur, Ordnung zu schaffen? Unsere Generation kann sich noch erinnern an geschlossene Grenzen, an Lebensmittel Knappheit, an viele Produkte, die wir jetzt im Überfluss bekommen, die damals noch gar nicht bekannt waren, oder nicht in dieser Vielfalt erhältlich. Stelle dich vor ein Molkerei Regal im Supermarkt: brauchst du so viele Sorten Quark, Milch, Butter, Yoghurt?

Unter der Dusche, wieder zuhause im freundlichen Käfig, kommen noch viele Gedanken dazu. Gerne teile ich sie das nächste Mal wieder mit euch. Bis dahin: bleibt zuhause und vor allem gesund!

Frisuren und Abstände

Das Social Distancing treibt eigenartige Blüten: ich laufe der Gesundheit wegen. Unsere Seniorengruppe läuft jetzt jeder für sich. Denn mit zwei Meter Abstand lässt es sich -umso mehr als mit uns diverse Hörgeräte unterwegs sind – kaum mehr vernünftige Unterhaltung pflegen. Dass ich meine Dienstag Freunde vermisse, lässt sich nicht bestreiten. Werden sie mich denn noch kennen, wenn in in weiss nicht wie naher oder ferner Zukunft wieder mit allen Senioren, Seniorinnen und Hörgeräten laufen darf. Bis dann werde ich Corona Frisur IV tragen, und aussehen wie Frau Holle VI.

Ich freue mich so, meine Kolleginnen und Kollegen wieder zu umarmen! Mit Hörgeräten und Rapunzel Zöpfen!