Noch einen Wunsch?

Der junge Verkäufer hinter den Speisefischen fragt seine Kundinnen jeweils „haben Sie noch ein Wünschlein?, bevor er die gekauften Fische einpackt und versiegelt.

Ich habe aus Zucht und nachhaltig gekauft, wie es sich im Greta Zeitalter gehört, und auf seine Frage nach dem Wunsch ebenfalls wie immer mit „bei Ihnen eigentlich nicht“ geantwortet. Er lacht und macht noch weiter Konversation. „Ich habe eigentlich auch keinen Wunsch, ich bin happy,“ strahlt er mich fröhlich an.

Ich strahle zurück und denke mir, wie sehr der Tag, die Woche, der Monat – das Leben – fröhlicher wird, wenn jemandem die Gnade der Anspruchs – losigkeit gegeben ist. Und an diesem für mich etwas eingetrübten Tag nehme ich mich an den Haaren und ziehe mich selbst aus der Wunschhaltung hinauf an die zufrieden machende Sonne!

Als ich zur alten Dame wurde

Es war an dem Tag in meinem Leben, als mir erstmals eine junge Frau im Tram ihren Platz anbot. Verwirrt stotterte ich, das sei doch wirklich nicht…, aber sie war schon aufgestanden, hatte auf dem Platz davor ein Kleinkind auf den Schoss genommen während sie sich setzte. Das Tram war sehr voll. Eine Gruppe Kindergärtler unter Aufsicht von drei jungen Frauen lärmte und murmelte abwechselnd dem Scheppern des Trams entgegen. Es war doch erst gestern gewesen, wo ich aufstand und einer grauhaarigen Dame Platz machte. Oder war es doch vorgestern? Ich beobachtete die Kleinen, die müde von ihrem Ausflug in den Zoo das Tram besetzt hielten.

Da fiel mein Blick auf einen Schwanz, oder mindestens sah es aus wie der Schwanz eines exotischen Tieres, eines Steppenhundes, vielleicht, oder ein Tiger ohne Streifen? Das Ding hing – so schien es mir – aus der grossen Umhängetasche eines bärenhaft aussehenden Typs mit riesigen Pranken, ich sah nur eine Hand von hinten. Ich studierte noch über die Art des Tieres nach, das einen solchen Schwanz haben könnte, als mein Blick über die grosse Tasche am Rücken des Bären hinauf glitt: Von seinem Haupte fielen zwei Stränge rötlich braunen Haares über den Rücken – unter der Tasche hindurch kamen sie zusammen gerollt und verfilzt schräg nach unten zeigend wieder hervor. Das also war das unbekannte Tier! Der Bär, es handelte sich offensichtlich um einen eher ungepflegten Mann hatte die zwei Stränge etwas oberhalb der Tasche  mit Lederriemchen zusammen gebunden. Wie war er denn dazu gekommen, fragte ich mich. Vielleicht hatte ihn jemand vor ein paar Monaten frisiert, sinnierte ich. Die junge Kindergärtnerin, die mir Platz gemacht hatte, schaute auch verwundert auf den interessanten Rücken. Unsere Blicke trafen sich, und wir lachten beide leise. Da hörte ich neben mir ebenfalls ein verstecktes Glucksen: ein Mann mit dem roten Turban der Inder hatte unsere Blicke bemerkt und war ihnen gefolgt. Seine Gebärde sagte, dass er nicht ganz einverstanden sei mit den Frisur Ideen des Bärenmannes. Dieser hatte offenbar bemerkt, dass er bestaunt wurde und drehte sich langsam zu uns. Dabei konnten wir sein gross flächiges, fleischiges Gesicht sehen. Er bediente sich aus einer Packung Apfelringli Bio und schob andächtig eines ums andere in den breiten Mund.

Inzwischen hatten sich die Kindergärtnerinnen verständigt sie müssten aussteigen. Flink holten sie ihre Schar zusammen. Die junge Dame, die mir Platz gemacht hatte, kehrte unter der Türe nochmals zurück und lief bis zuhinterst im Tram, um sicher zu stellen, dass man alle Kinder habe. Freundlich lächelte sie mir nochmals zu, bevor sie im letzten Moment aus dem Tram sprang.

Der Tag, wo ich zum ersten Mal wirklich eine alte Frau war, wurde so doch noch ein fröhlicher!

Privatsphäre

Le Moulin de Daudet

Das Geburtstagsfest war in vollem Gange. Die Kids hatten genug Cornflakes und Yoghurt gegessen und sassen friedlich am Boden vor einem grossen Haufen Lego. Sie waren zufrieden. Eine halbe Stunde zuvor hatten die Geschwister noch gegenseitig erklärt, sie liebten einander nicht mehr. Doch nun war die Eintracht der beiden mit den Kameraden wieder hergestellt.

Zufrieden über den Frieden der Kinder und die angeregte Konversation der erwachsenen Gäste, beugt sich die Jubilarin zu den ins Lego vertieften Kleinen. Ihr Handy hält sie bereit zum Schuss in der Hand. Ob sie ein Foto der Spielenden machen dürfe, fragt sie. Die proforma gestellte Frage wird sogleich mit grossem Ernst beantwortet: „Also von uns aus schon, aber du musst die Eltern fragen“, erhält sie als automatische Antwort.

Die Gastgeberin denkt einen Moment erstaunt nach. lächelt, schüttelt den Kopf und wendet sich an die Eltern. Für das Foto erhält sie die Erlaubnis, aber „nur für den Eigengebrauch, keinesfalls auf Facebook, Instagram, Twitter und Ähnlichem!!!!“

Ein bisschen nachdenklich geht die Jubilarin zurück, Das Foto wird in ihren eigenen Medien bleiben. Eigentlich auch ein bisschen schade: unter all dem Müll der VIPs, der Politiker, Akteure in Kunst und Medien wäre doch ein einfaches Bild von ein paar Kindern, die friedlich spielen, eine Wohltat!

Und der freundliche französische Autor, Daudet, würde ob all dem Getue über Privatsphären wohl mit einem Lächeln den Kopf schütteln.

Abschied (Geschichten über Nora)

Claudine erzählt:

Herr Klein ist tot. In der Stadt tuschelt man, spricht man, schreibt man, wenn man beim Tagblatt arbeitet, man bespricht sich, wie es wohl mit dem Erbe sein wird. Es herrscht kleinstädtische Unruhe. Herr Klein, jüdischer Stickerei Unternehmer, Gründungsmitglied des Tennisclubs, Anhänger des Fussballclubs, Freund des Kegelclubs, ein Mann von Bedeutung also, sei plötzlich gestorben. Es ist ein heisser Samstag Vormittag im Juni. Die ersten Rosen blühen in den Gärten, die frühsommerliche Hitze lässt die Luft zum ersten Mal im Jahr sirren. In diesem sommerlichen Brutkasten setzt sich Nora mit ihrem Leid auseinander.

Ich sei doch ihre beste Freundin hat sie am Telefon erschüttert gesagt. Ich gehe nicht an die Beerdigung. Später in einigen Wochen werde ich zu Nora fahren, mit ihr in der alten Wohnung an der Bergmannstrasse an die gemeinsame Kindheit denken. Sie wird bestimmt ein Andenken finden, das sie mir mit geben will. Und sie wird mir erzählen, wie sie umgeht mit dem Verlust ihres Vaters.

Herr Klein war eine starke Persönlichkeit. Die kleine Nora hatte immer Angst vor ihm. Auch die junge Frau, die mit dem nichtsnutzigen Carlo verheiratet war, konnte sich nie gegen den übermächtigen Vater durchsetzen. Herr Klein hat auch den Schwiegersohn klein gemacht, wie alle seine Angestellten. Mein Papa hatte eine Patientin, Fräulein Agnesser, sie konnte nur noch schlecht sehen. Sie arbeitete bei Klein in der Nachstickerei. Mein Papa hat ihr nahegelegt, die Arbeit aufzugeben, wegen der Augen. Doch das Fräulein Agnesser, wollte nichts hören! „Aber Herr Doktor,“ sagte sie zu Papa, „das würde Herr Klein gar nicht wollen. Ich mache die schönsten Taschentuchfiguren in der Firma. Ohne mich ginge es nicht!“ Mein Papa meinte, sie halte ihre Arbeit ganz über dem Busen und neige die Augen zu nah daran.  Bis sie achtzig war, hat sie weiter gearbeitet. Herr Klein hat die kugelige Frau ins Herz geschlossen, und ihr wie vielen anderen der „Fräuleins“ in seiner Unternehmung allmonatlich aus seinem privaten Fond einen Zustupf gegeben.

Papa hat jetzt eine gut gehende Augenarzt Praxis am Marktplatz- Meine Eltern haben sich ein hübsches Einfamilienhaus gebaut, meine Geschwister haben noch dort gewohnt, während ich bereits mein Studium angefangen hatte. Als ich im Kindergarten war, lebte ich auch an der Bergmannstrasse, einfach einen Stock über den Kleins in dem Dreifamilienhaus, mit den Jugendstil Ornamenten an den Mauern, dem gepflegten Garten rundherum und den gestrengen Hausmeistern.

Nora und ich besuchten denselben Kindergarten. Täglich marschierten wir, mit unsere Schürzen umgebunden, ein paar hundert Meter zum alten Haus, wo kleine Stühle und Tische, eine Eisenbahn, viele Bücher und Puppen, sowie Fräulein Egli mit ihrer rauen Stimme auf uns warteten. Wir wussten beide, man durfte ja nicht zu spät kommen. Manchmal war dies für Nora schwierig: Fredi und Theo lauerten ihr auf den letzten Schritten auf und drohten, sie zu verdreschen. Verängstigt kauerte die kleine Person mit den dunklen Zöpfen hinter einer Sandkiste und wartete, bis die beiden Buben um die Ecke waren. Mit rotem Kopf und ausser Atem erschien Nora dann noch knapp zur Zeit, dennoch mit einem strafenden Blick der Kindergärtnerin bedacht.

Überhaupt litt Nora hat immer. Ich schaute einfach zu, Was sollte ich mich einmischen. Sie war ja lieb und nett, aber eben einfach – anders!

Und deshalb werde ich auch dieser Monster Beerdigung des Herrn Klein fernbleiben. Nora wird Mittelpunkt einer grossen, vermischten Gesellschaft sein. Sie wir mich dann vermissen, wenn sie daran geht, die alte Wohnung zu räumen.

Mobbing outgesourct

Heute heisst das auf Neudeutsch Mobbing. Als ich in den Kindergarten ging, hiess es einfach Plagen. Schweizerdeutsches Verb für Verletzen, quälen, ärgern, belästigen. Der Theo, ich weiss seinen Nachnamen nicht mehr, war mein Feind. Stärker als ich und dazu noch mit seinem Freund namens Fredi zu zweit, plagte er mich immer wieder. Mit Faust und Fuss schlug ich zurück und versuchte, mich zu wehren. Die beiden Bengel hatten auch eine ganze Auswahl an bösen Schimpfworten, um mich zu demütigen. Am schlimmsten war es während der Fasnacht Tage. Während ich als Prinzessin mit Krinoline und Redingote daher kam, waren die beiden Rothäute mit Lasso und Seil. Die Prinzessin heulte schliesslich gefesselt am Gartenzaun. Gerettet wurde sie durch einen Nachbarn. Heute würde man das als Mobbing bezeichnen, und ich bin sicher, es gibt immer noch kleine Mädchen, die sich nicht perfekt wehren können.

Meine Schwiegertochter erzieht die Enkelkinder zur Selbsthilfe. Ich höre, gerne, wie sie ihr Töchterlein dazu ermuntert, sich zu wehren: „Auch wenn der/die Andere stärker ist als du, kannst du zurück schlagen. Sei überzeugt, du wirst gewinnen!“ Darauf bringt sich der kleine Bruder ins Spiel. Er ist eine geballte Ladung Charme, Selbstbewusstsein, Gescheitheit und dazu einfach ein süsser Erstklässler. Und er kennt offenbar den gängigen Begriff „Outsourcing“. „Ich haue schon auch, aber ich habe Freunde und Freundinnen in der sechsten Klasse, die kommen und hauen alle meine Feinde“, lässt er uns wissen und strahlt.

In Memoriam

Es blühten dort keine Blumen und es zwitscherten keine Vögel

In diesen Tagen jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau durch russische Truppen zum 75 mal. Ich kann meinen Blog, diesen Kontakt mit einer mir unbekannten Umwelt, nicht ohne einige Worte zum Thema lassen.

Vor einem Jahr war ich dort. Der Ort ist unbeschreiblich grauenhaft im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Erinnerungen an diesen Besuch sind dennoch nicht ganz so intensiv, wie das, was ich als kleines Kind in Wirklichkeit sah. Aus Bergen Belsen und aus Ravensbrück kamen damals Männer und Frauen in meine Heimatstadt, St.Gallen. Sie sahen aus wie lebende Tote. Aschgraue Gesichter, ausgemergelte Körper. Was sie am Leibe hatten schlotterte. Ich erinnere mich wie meine Grossmutter, sie war eine der Frauen, die sich um diese Ärmsten kümmerte, mit abgelegter Kleidung und Nahrung zum Schulhaus ging, wo die Menschen untergebracht waren. Die Gaben wurden dort verteilt.. Das Grauen, das diese Menschen durchgemacht hatten schien ihnen aus allen Poren zu kriechen, und man meinte immer noch die Angst zu riechen, die sie in den letzten Tagen im KZ und auf den Todesmärschen empfunden hatten.

Die Familie H. kam dann regelmässig zu meiner Grossmutter zu Besuch. Herr H. war in St. Gallen gestorben. Einer der vielen, deren Grab auf dem dortigen jüdischen Friedhof liegt. Fast täglich wurde hier ein Opfer des Nazi Terrors beerdigt. Frau H. hatte eine grosse lila Beule im Gesicht. Eigenartig, wie diese Beule mich nach mehr als 75 Jahre immer noch irritiert. Frau H., ihre Tochter und ihr Sohn konnten später in die USA emigrieren.

Wenn ich heute die Dokumentationen sehe, die Medien aus diesem Anlass zeigen, so lerne ich neue Tatsachen kennen, neue Gräueltaten, neue geschichtliche Aspekte zum Thema. Es redet erstmals ein Deutscher Präsident auf Deutsch in Israel. Es wird gedacht und gebetet, geredet und gesendet, musiziert und gesungen. Nichts bringt die Toten zurück. Nichts gibt denen die überlebt haben die Zeit zurück, die sie verloren haben, und nichts hilft ihnen mit ihren Traumata fertig zu werden.

Sie werden aussterben, die Zeitzeugen. Ich bin „davongekommen“, Schweizerin, Jüdin, mit Erinnerungen an diejenigen, die gelitten haben. Ich bin nur im weiteren Sinn eine Zeugin, und auch ich, deren Erinnerungen aus der Kindheit unauslöschlich sind, nähere mich dem Endziel. Bitte lasst uns nie vergessen, lasst uns die Lehren aus dem Geschehen weiter tragen, auch wenn wir, die diese Zeit irgendwie miterlebt haben, nicht mehr dem Gedächtnis der Welt helfen können!

Das mit den Konfessionen

Angedeutet habe ich es schon, das mit den Konfessionen. Von meiner Warte aus ist es kaum erwähnenswert, denn mich beschäftigte und beschäftigt heute das Anti-Jüdische, der Antisemitismus, ein Vielfaches mehr.

Kürzlich aber haben wir uns über die Zeit unterhalten, wo wir Kinder waren, Kinder, kurz vor dem Ausbruch des Krieges geboren und mit dem Ende dieses Krieges grad mal so Primarschüler mit Denkvermögen. Es herrschte da ein längst entbrannter Rosenkrieg in den Dörfern und Städtchen, eine Unsitte sondergleichen, die für niemanden wegzudenken war.

Dieser Krieg wurde verbissen geführt. Der Beispiele sind viele, und mein LAP (LebensAbschnittsPartner) und ich vergleichen die Geschehnisse in seinem Heimatdorf und meiner Heimatstadt mit Vergnügen. Der Ausdruck, die Kirche solle im Dorf bleiben könnte ebenfalls auf diese Animositäten zurückgehen, die dann nach und nach zu einer wahrhaften Schlacht geführt haben. Bäckereien, Metzgereien und Spezerei Geschäfte gab es in jener Zeit noch eine Menge, selbst in der kleinsten Ortschaft reichte es meist für zwei Bäcker und zwei Metzger. Meist war dann einer katholisch und der andere reformiert. Es war selbstverständlich und wurde als Axiom angesehen: der katholische Bürger kaufte beim Katholiken und die Protestantin im reformierten Geschäft. Diese Gesetzmässigkeiten wurden argwöhnisch beobachtet. Hinter Vorhängen wurde rausgeblinzelt, wohin denn das mit Zöpfen gekrönte Mariannli nun steuerte, um ein grosses dunkles Brot einzukaufen. Tatsächlich: es ging zur falschen Bäckerei und, oh Schreck, gleich darauf holte es noch eine Bratwurst beim falschen Metzger. Was da wohl passiert war? Die Antwort ist nicht bekannt.

Auch die Hausfrauen schenkten einander nichts. Meine liebe Schwiegermutter war eine gläubige, konservative Katholikin. In einer katholisch orientierten Kleinstadt lebte sie mit ihrer Familie zur Miete bei Protestanten. Jahrelang war es Brauch, ja ich würde es Gesetz nennen, wie man betreffend Waschen und Putzen die Nachbarn so richtig ärgern musste.

Meine liebe Schwiegermama hielt den Karfreitag für den Tag des Grossputzens. Da blieb kein Möbel an seinem Platz, die Fenster mussten glänzen und alle Bettinhalte mussten über Gänge und Treppen mit Krach und Getrampel ins Freie gebracht werden. Möglichst unter Mithilfe der Kinder, die dazu auch noch lärmen und johlen durften. Die Vermieterin ihrerseits hielt Gegenrecht und benützte den Fronleichnams Feiertag stets, um Grosswaschtag in Verbindung mit grossem Reinemachen zu planen. Sie hängte gewaschene Teile auf, lärmte mit dem Staubsauger und krönte den Tag mit lautem Teppichklopfen. Unter dem Jahr waren die beiden Frauen von einer kühlen Höflichkeit zueinander. Aber an diesen Heiligen Tagen der jeweils anderen verwandelten sie sich in Hyänen. Jede war der Überzeugung, das gehöre sich so.

Die Zeiten ändern sich. Die Einwanderung, die Oekumene, die gemischten Schulen, und viele andere grosse und kleine Veränderungen haben diesen mit Überzeugung geführten Religionskrieg beendet. Im nahen Altersheim höre ich hie und da noch die eine oder andere Bewohnerin abschätzig von einer Nachbarin sagen, sie sei halt reformiert (oder katholisch).

Man kann ja nichts dafür…….

Kundenfreundlichkeit und Kundentreue

Erinnern Sie sich noch, wie das war? Für den Einkauf ging man ins Dorf oder in die Stadt. Zu Fuss – es war die Zeit, als man ohne Schrittzähler und Handys auf genügend Bewegung und somit gesund leben durfte. Persönliche Erinnerungen kommen da hervor: die Metzgersfrau, die neben der Belehrung, wie das gekaufte Stück denn zu kochen sei, auch gleich noch ein sogenanntes „Rädli“ für die Kleinen überreichte, das „Sag schön danke“, automatisiert über die Lippen der Mutter und Wünsche für einen guten Tag dazu. Der Gemüsehändler auf dem Markt, er packte gerne noch ein Büschel Petersilie dazu und grinste breit, wenn er die Karotten ins Zeitungspapier wickelte. Beim Bäcker war die Auswahl auf hell, dunkel, lang, rund beschränkt, dies alles in den Grössen 500 g, 1 kg oder 2 kg. Die Bäckereien von heutzutage wirken wie ein Gemischtwaren Laden.

Wenn die Hausfrau ihre Tasche zur Hand nahm, die Münzen in den Geldbeutel speiste, den Zettel kontrollierte und in die Tasche stopfte, kannte sie im voraus die Gesichter und die Stimmen der Händler und Gewerbler, bei denen sie ihre Einkaufsliste abarbeiten würde. Die wussten ihrerseits, dass sie heute wie jeden Mittwoch bei ihnen vor der Theke stehen würde. Auf jeder Seite waren die Themen klar, denn man kannte und achtete einander. Man konnte aufeinander zählen.

Das Problem in jener Zeit war die Konfessionszugehörigkeit. In vielen Gegenden war es üblich und akzeptiert, ja gefordert: man kaufte nicht bei den Andersgläubigen. Diese eigenartige (Un)Sitte will ich gerne ein andermal beleuchten.

Heute haben in fast allen Bereichen die Sozialen Medien und die Elektronische Datenverarbeitung die Stelle der menschlich-persönlichen Beziehungen eingenommen. Die Kundinnen blicken von ihren Handys, die als Einkaufszettel, Legitimation, Zahlungsmittel und nebenbei noch als Telefon dienen, kaum auf. Trotz bester Information durch alle diese möglichen Medien wird nach Belieben eingekauft, Avocados, Papaya, Mangos, Frühlingsblumen und Spargeln zu jeder Jahreszeit. Die Grossverteiler wissen alles über die Kundschaft, verarbeiten die Datenmenge zu einer Person und bombardieren sie mit Werbung, passend zum Kundenprofil. Dem Kunden/der Kundin wird mit Coupons, Rabatten, Punkten usw. der Wechsel zur Konkurrenz erschwert, weil es bequemer wird, „geleitet“ einzukaufen. Was für ein Unterschied zu den Einkäufen unserer Mütter oder Grossmütter.

An die Stelle des Gesprächs an der Theke ist die Elektronik getreten. Das Bemühen, die Kundschaft zu halten, ist dasselbe geblieben. Die Mittel sind anders.

Es ist nicht alles gut was war. Es ist nicht alles gut was ist. Es ist nicht alles gut was kommt. ABER ES IST VIELES GUT!

Oma Nonna Neinei

Meine vier Enkelkinder sind mir unendlich lieb und unendlich wertvoll. Ich erinnere mich an vieles, das sie mir zuliebe getan haben, an gemeinsame Erlebnisse und Taten. Statt einer Rede zum Begräbnis, will ich sie heute einmal von „oben herab“ von meinem Alter zur Jugend würdigen! Anstoss zu diesen Gedanken hat die Getränkekarte eines Bergrestaurants gegeben.

Sie nennen mich Nonna (die Grossen) und Neinei (die Kleinen). Ich selbst habe meine beiden Grossmütter Oma genannt, eine war Oma Hansel, eine Oma Fanny, und keine der beiden war „heiss“. Sie waren beide sehr traditionelle, strenge, ja starrsinnige Frauen, die nur schwarz trugen.

HEISSE OMA (MIT sCHLAGRAHM)

Heissi Oma machte mich schmunzeln, es handelt sich natürlich um einen Spezial Kaffee mit Rahm. Doch ich erinnerte mich an meine „grosse“ Enkelin, die vor knapp dreissig Jahren mir erzählte, eine Schulkameradin hätte mich eine „geile Grossmutter“ genannt, dies weil ich der Enkelin zum Geburtstag eine gelbe Swatch Uhr geschenkt hatte. Ich war stolz darauf, eine „geile Oma“ zu sein und habe mich seither bemüht, es zu bleiben. Ihr jüngerer Bruder hat mir stets viel Respekt und Liebe entgegen gebracht. Er hat mich anlässlich des Todes meines Vaters für die Erledigung des Administrativen aufs Standesamt begleitet, damit die „Nonna nicht allein gehen muss“. Und jetzt macht er mich zur Urgrossmutter! Die beiden „kleinen“ Enkel“ haben es noch einfach, mich zu begeistern. Mit sechs und acht Jahren bestehen sie eigentlich aus Freude.

Es ist ein Geschenk des Lebens, neue Generationen heranwachsen zu sehen. Es liegt an uns Alten, auch in diesem Zusammenhang darauf zu achten, Respekt und Liebe beizubehalten. Nicht alles, was unter der Marke (heute dem Label) Jung läuft ist per se nicht gut, es ist, wie so vieles das uns missfällt ,einfach „anders“. Wir fahren sowieso besser, wenn wir den Ausdruck ANDERS öfter anwenden. Was soll es denn, wenn wir werten, etwas sei besser oder schlechter, und wie sollen wir es wagen, dies überhaupt zu beurteilen?

Lassen wir es dabei bewenden. Es ist halt alles anders als es früher war, und es wird morgen, übermorgen und in vielen Jahren auch wieder anders sein!

Extra Tag – Extratag

Heute ist Büro Arbeit angesagt: Ich will Ordnung machen in den Angelegenheiten des „Äusseren“ – sprich all den Sachen, die technisch, unabänderlich, angebunden und organisiert sind. Also, in denjenigen Aufgaben, die ich nicht mit meinen Gedanken und Gefühlen beeinflussen kann, für die ich einfach das Einmaleins und dasjenige, was einmal ein Buchhaltungslehrer oder ein Mathematikprofessor in meine grauen Zellen zu pflanzen versuchte, aktivieren muss. Diese so gespeisten Zellen sind ganz anders als diejenigen, die in der Dusche aktiv werden. Ich mag diese nicht sonderlich, denn das was mir das Buchhaltungs- Leben abverlangt, ist mir unangenehm. Und heute habe ich deshalb einen Extra Tag!

Beim Versuch, die nötigen Dokumente aus dem Bank Internet zu holen, streikt dieses. Denkt mal: das vielgepriesene Electronic Banking schläft! Heute am zweiten Tag des neuen Jahrzehnts, an dem Tag, wo neben mir noch einige andere Tausend (oder mehr) Kunden ihre Zahlen abholen möchten, funktioniert schlicht und einfach nichts, gar nichts um es genau zu nehmen! Wie geht es jetzt wohl den anderen? Denken sie jetzt oh jeh oder vielleicht oh wie schön? Wer es eilig hat mit seinen Ordnungsaufgaben wird wütend sein.

Mir aber steht ein Extra Tag bevor: Die Zeit, die ich für das Ungeliebte eingeplant hatte, wird verfügbar für Geliebtes. Soll ich einen neuen Beitrag für „bleibt dabei“ ausdenken? Einen Spaziergang ins Dorf unternehmen? Ich könnte auch einen Besuch machen, die Dame im Altersheim hätte Freude. Oder das angefangene Buch fertig lesen? Nicht nötig, das „Happy End“ habe ich schon vor dem „Gang“ in die elektronische Bank erledigt, und mich darüber gefreut.

Mein Extratag läuft gut an, vor lauter Freiheit finde ich sie nicht mehr. Wie hat es schon der berühmte Schiller formuliert: Freiheit ist Pflicht, heisst Verantwortung übernehmen. Dann gehe ich jetzt mal etwas Wasser trinken, aus Verantwortung gegenüber meiner Gesundheit: Prost!