Es taut

April: launisch, auf und ab, hin und her, windig und windstill, sonnig und regnerisch, ein nie endendes fröhliches Gemisch aus allen Wetterlagen des Jahres. Ein verführerisches Thema für die Meteorologen. Nie im Laufe des Jahres dürfen sie sich so ungeniert irren, so rechthaberisch sich verteidigen, denn ein ganz klein wenig Sonne war ja doch immer zu finden, und irgendwo hat es getropft.

April: der letzte Monat mit einem R. Als kleines Mädchen waren dies die letzten Wochen mit den verhassten, kratzigen Strümpfen, bevor endlich die Kniestrümpfe erlaubt wurden. Ich wusste damals auch, dass es unerhört und falsch war, wenn die Nachbarin die Bettwäsche nach draussen brachte zum Lüften. „Betten sonnen“ war verpönt bist die R-losen Monate mit dem Mai begannen, der dann gleich die Eisheiligen mit sich brachte und damit dem grossen Ereignis gleich eine Grenze setzte. Das Ereignis, im Dialekt „Bettersonnä“ genannt war jeweils seine Schatten voraus. Kleine Holzblöcke wurden am Vorabend in den Garten geschleppt, jeder zum Haushalt gehörende wusste, früh aufstehen, das Bett herrichten zum Abtransport war heilige Pflicht. Die ganze Prozedur dauerte den ganzen Tag über. Mittagessen vorbereitete Suppe und Brot. Kurz. Es wurde geklopft, gesaugt, geschruppt und gewendet. Manchmal ein kurzer Blick zum Himmel. Dann zusammenpacken hinauf tragen, schleppen, placken. Betten neu anziehen. Alles duftet frisch, eine heilsame Wärme breitet sich aus. Ich erinnere mich ganz genau: nie konnte ich schlechter einschlafen als an diesem verrückten Betten-sonnen-Tag! Und am nächsten Tag unweigerlich das Gespräch über die „Heisse Schlaf-arme Nacht“ danach!

Ja, zurück nochmals in den launischen April, da kann es schneien und regnen, es kann heiss, sonnig oder bissig kalt sein. Was mich an diesem fröhlichen unberechenbaren Monat so unendlich freut: es taut immer wieder.

Mitteilungen

Habe ich einen ganzen Monat gebraucht, um über diese traurigen vier Wochen zu schreiben, nachdem mir die Jugend solche Freude bereitete?

Es kamen Abschiedsmeldungen zu Hauf in dieser Zeit. Jeder Mensch, der uns in diesen letzten Wochen verlassen hat, fehlt! Jeder hinterlässt seine eigene Lücke. Von jedem kennen wir eine Seite seiner Persönlichkeit, die unsere Mitmenschen nicht so empfinden. Was  mich beeindruckt hat, ist die Liebe, die Ehrlichkeit und die Eigenwilligkeit, mit der die einzelnen Personen verabschiedet wurden. Gewohnt war ich eine traditionelle, ziemlich starre Zeremonie. Da kam eine neue Seite zum Tragen. Die trauernden Menschen schienen ehrlich und offen den Wünschen der Verstorbenen zu folgen. Priester und Pfarrherren sagten nur, was von den Hinterbliebenen für gut befunden worden war. Auch sie halfen mit, der neuen Ehrlichkeit zu dienen.

Die Förmlichkeit war zugunsten der ehrlichen Andacht, der liebenden Abschiedsworte, der hilfreichen Tröstungen an einen ganz kleinen Platz gerutscht. Und die Wärme der Betroffenen reichte weit über alle Grenzen hinweg.

Die Gesellschaft ist offen geworden. Sie erlaubt sich viel. Bekleidung und Umgang mit Nachbarn ist freier geworden. Man duzt sich rasch, man küsst sich zum Grüssen und Abschiednehmen, man umarmt einander, wenn es sich richtig anfühlt. Der Herr Knigge, der alles so eng begrenzte und erklärte, wäre kaum zufrieden, denn seine Regeln waren starr, und damit nicht immer ehrlich, sondern einfach so, wie es „Brauch und Sitte“ war.

Manchmal wünsche ich mir den Herrn Knigge ein wenig zurück: wenn wir im Theater sitzen und Menschen mit der Rückseite gegen uns durch drücken (die haben nie wie ich seinerzeit bei den Damen Somolow im Tanzkurs gelernt, wie man durch eine Reihe Theaterbesucher geht). Wenn dieselben Menschen in verwaschenen und verlöcherten Jeans auftreten passt es mir auch nicht.

Alles hat eine Kehrseite. Ein wenig Förmlichkeit gefällt mir halt schon auch.

Auf dem Weg zum Seniorenturnen

20190325_134712Es dürfte meinen wenigen Leserinnen klar sein, dass ich weder ein Frühaufsteher, noch ein Morgenmensch bin. Ich bin eine Lang- Viel- und Oftschläferin.  Das hat zur Folge, mein Montagskurs bei den Senioren findet ab neun Uhr statt. Um acht Uhr sind die Rassigen dran, die nach getaner Arbeit den Garderobenraum kapern und fröhlich schnaufend bekunden, sie hätten jetzt bereits das Tagespensum hinter sich. Mein stets unausgeschlafenes Ich, das den Kurs besucht, weil „man etwas für die Gesundheit tun soll, man dort nette Bekanntschaften macht, die Instruktorin eine Perle von einer Frau ist“, gähnt ausgiebig und macht sich ans Werk.

Auf dem Weg hierher hatte ich mir die Aufgabe gestellt, endlich einmal alle mit dem richtigen Namen zu begrüssen. Wir haben nämlich in diesem Fitness Center jede Menge an Hansruedis und Hanspeter. Dazu sind zwei „Neue“ gestossen, die ich wacker verwechsle, der Eugen und der Hanspeter, oder doch Hansruedi. Ich mache Eselsleiter um Eselsleiter und stelle mir die Personen vor. Vögel zwitschern, als trauten sie dem Frühling in der Luft. Dabei soll es abends wieder schneien. Seis drum, ich übe die Namen immer wieder. Ich habe Anneliese stets mit Bettina verwechselt. Das passiert mir jetzt nicht mehr. Und Josef – ja der ist leicht zu merken: er gehört zu Maria, beide sind gross und stark, ein Paar, das so gut zueinander passt wie ihre Namen.

Zurück zu den Hans plus. Eugen hat ein weisses Shirt an, und grüne Turnschuhe. Aha. Hansruedi ist gross und sehr liebenswürdig, hat immer einen Zahnstocher zwischen den Lippen. Aha. Hanspeter hat eine Brille ist eher kurz und redet wenig. Aber hie und da lächelt er. Aha.

Erleichtert gehe ich meines Weges. Da: ich muss stehen bleiben und nochmals zurück. Was ist denn das am Rosenstrauch vor dem Eingang zum Kurslokal?  Ich nähere mich dem fremden Objekt am Rosenstrauch. Eine kleine gelbe Plastik Ananas hängt da an einem blauen Bändel. Lustig, denke ich, und – oh jeh! welcher ist jetzt der Eugen?

Der neue Stammtisch

Erinnern Sie sich an die Zeit, wo in den Beizen und Kneipen noch geraucht wurde? Da stand ein riesiger, runder Aschenbecher in der Mitte des runden Stammtisches. Drum herum sassen einige Herren und rauchten, tranken eine Tulpe, eine Stange oder ein Zweierli und redeten. Sie redeten über das Wetter, die Aussichten dazu, die Wirtschaft und ihre Aussichten, über die Gebresten und die Aussichten auf Besserung. Und sie teilten ausgiebig ihre Meinung zu Politik und Regierenden. Sie redeten auch über den Franz, der heute fehlte, und über dessen Frau, die Theres, die ihm davon gelaufen war. Das war dann Gesprächsstoff für den Rest der Zeit, der ihnen am Stammtisch blieb.

Nun gibt es diesen Stammtisch kaum mehr. Der Aschenbecher hat schon lange ausgedient, die Menschen haben Unterhaltung zuhause, sie kommunizieren per Mail, per SMS, Whattsap, auch hie und da altmodisch durchs Telefon. Aber, ich habe es letztens beobachtet, es gibt den kleinen Ersatz für den runden Tisch: Der Warteraum!

Das Wartezimmer der Hausärztin: da sitzen immer zwei drei Patienten zusammen. Oft kennen sie sich schon vor der Begegnung. Und die Sitz Einteilung eignet sich gut dazu, sich zu unterhalten. Da kommen dann auch Gespräche auf, die fast an die Stammtisch Unterhaltungen reichen. Nicht ganz: da kommt ein „der Nächste bitte!“ und schon ist der Gesprächspartner verschwunden.

Genau gleiches beobachte ich im Fitness- und Therapie Center. Hier kennen sich die Menschen auch durch gemeinsame Laibes Ertüchtigung. Aber alle haben auch noch ein „Wehwehli“ und warten auf den Termin beim Physiotherapeuten. Auf diesen Wartesesseln wird politisiert, geplaudert, gehechelt.

Kommt man dann entspannt nach Hause hat man Gesprächsstoff wie damals als man vom Stammtisch kam!

Die Jugend streikt

Auf irgend eine Weise hat sie alle beeindruckt, die kleine Schwedin, Greta Thunberg. Seit sie am WEF aufgetreten ist, habe ich niemanden getroffen, der sie nicht gesehen, gehört hatte. Auf (fast) alle hat die junge Frau Eindruck gemacht. Irgendwie hat sie – man kann über ihre Motive spekulieren, ihren Antrieb analysieren wie man will – etwas geleistet, das weder unserer Regierung, die über die kleinste Annahme einer Klima Norm stolpert, noch dem grossen Donald mit seiner Negierung aller Klima Prognosen gelungen ist. Man denkt -wie immer kurz -mal nach!

Gerne besuche ich einen kleinen, feinen Laden in der Zürcher Innenstadt. Ich kann dort meinen Erinnerungen frönen, meinen eingepflanzten Textil Genen freien Lauf lassen, Exklusives aus der Textil Welt bestaunen, und nicht zuletzt einen Schwatz mit den Inhabern halten. Nicht nur finden wir immer wieder Andenken, seien es gemeinsame Bekannte oder Muster und Gewebe, welche in uns ähnliche Gefühle erzeugen.

Heute sind es unter anderem die Papiertaschentücher, über die wir uns unterhalten. Der liebenswürdige Inhaber erzählt von einer Gymnasiastin, die kürzlich in sein Geschäft kam, um Taschentücher für sich einzukaufen. Dies als Folge ihrer Beschäftigung mit den aktuellen Diskussionen. Sie wollte schöne weiche Tüchlein, denn für die „Tempo und Co.“ erklärte sie, holze man Hektaren von Wäldern ab, da man keine recyclierten Materialien zur Herstellung von hygienischen Papiertüchern und Kleenex verwenden könne.

Mein Vater, Textilfabrikant von Taschentüchern aller Art, hasste die Papierdinger seit sie von jenseits des Atlantiks zu uns geschwommen waren. Er lobte seine männlichen Artgenossen, die sich über lange Jahre weigerten ins Papier zu schneuzen, während die Damen die kleinen Päckchen praktisch fanden. Die Werbung mit der Hygiene störte meinen konservativen Papa ebenfalls. Was die eigentlich dächten, mit den Fetzen, die herum lägen, schwirrten auch Millionen von Keimen frei in der Luft, so seine Klage!  Kein Päckchen Tempo durfte es in seinem Haus geben!

Viele Männer benutzen heute Papier. Ich bin froh, dass immer noch eine ansehnliche Anzahlt Stofftaschentücher bevorzugt. Meinerseits habe ich die „Papierenen“ nur benützt, wenn ich kleine Kinder um mich hatte.

Vom Umweltschutz her braucht es Wälder, um die weissen Hygienischen zu erzeugen. Man kann sie nicht aus Recyclinggütern herstellen, nur aus neuem Holz. Aber ich bin mir auch bewusst, dass die „textilen“, die gewaschen und gebügelt werden müssen, im Laufe ihres langen Lebens ebenfalls Energie verbrauchen.

Lösungen? Mein Allerliebster hat eine gefunden: „MEE DRÄCK“! Er stellt sich vor, man benutze die textilen bis sie stünden vor Dreck, man wasche sich selbst nur einmal in zwei Monaten,   kurz man kehre zurück ins Mittelalter – dann, meint er – müsste weder Greta noch ihre vielen jungen Anhänger demonstrieren.

Ich bezweifle seine weisen Ratschläge und wünsche mir, ich wäre jung, energisch und idealistisch. Dann würde ich mit demonstrieren – nur in meiner Freizeit natürlich!

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Eine handgestickte Appenzeller Tracht war, ist und bleibt ein Bijou.

Nagellack

IMG-20190104-WA0002Der direkte Zug aus dem Hauptbahnhof Zürich war recht besetzt. Entgegen meiner neugierigen Natur setzte ich mich ohne auf mein Gegenüber zu achten auf einen freien Platz. Am Vormittag hatte ich die Ausstellung über den Landesstreik 1918 besucht. In Gedanken war ich noch immer bei den Meinungen, die die Kuratoren vertreten haben.

Eine Erstklässlerin mit dem innigen Wunsch die Haare wie alle anderen lang zu tragen, hat kürzlich das Plakat als Protest den Eltern gezeigt. Die Streikenden von 1918 trugen ihre Sonntagskleidung, Hut, weisses Hemd, dunkler Anzug, glänzend geputzte Schuhe. Sie trugen keine Transparente (wer hätte ein Leintuch damals verschnitten!) und waren unbewaffnet. Dagegen wurde die aufgebotene Armee bedrohlich dargestellt. Ich dachte darüber nach, wie sich die Unzufriedenheit im Laufe der Zeit immer anders manifestiert hat und schmunzelte in Gedanken an das Protest Plakat der Erstklässlerin.

Plötzlich erhebt sich die Dame vis-à-vis, und schreckt mich aus meiner Reflexion. „Es stinkt!“ schreit sie, und als ich sie anschaue, zeigt sie auf eine Frau im Abteil nebenan. Empört schnaubt mein flüchtendes Gegenüber noch „Nagellack!“ Nebenan sitzt ein Paar, das sich in einer slawischen Sprache unterhält. Die Frau hat offenbar ihre Nägel angestrichen. Mir ist es peinlich, als sie zu mir sagt, ich möge bitte entschuldigen, sie hätte keine Zeit gehabt, die andere Hand fertig zu lackieren.  Uns beiden ist klar, die Ursache des Ausbruchs meiner Ex Nachbarin war kaum der Geruch, es war vermutlich die osteuropäische Sprache. Ich fremdschäme mich wieder einmal, obwohl ich mir vorgenommen hatte, mit dem abzufahren!  Die Fremde lächelt. Mit ihrem charmanten Akzent sagt sie: „Es gibt gute und böse Menschen, man muss mit beiden Arten leben.“ Und sie bedankt sich bei mir für die Unterstützung, denn es brauchte nur Blicke und Gesten, um diese zum Ausdruck zu bringen.

Vielleicht sollte die SBB ein Plakat entwerfen: „In diesem Zug ist das Lackieren von Nägeln nicht erlaubt!“ Oder einfacher: „chli schtinkä mueses“

Triviales

Es ist so: je älter ich werde, desto weniger mag ich mich in der „Freizeit“ mit gescheiten Büchern beschäftigen. Es reicht mir, die Zeitungen energisch nach Brauchbarem und Lesenswertem zu durchsuchen. Aus diesem Potpourri von Information und Dokumentation bilde ich mir meine Meinung, zusammen mit den eher spärlichen brauchbaren Informationen, die das Fernsehen leistet.

Beim Fernsehen sind die Beiträge zu Ländern und Natur von mir geschätzte Unterstützung meines Wissens. Sie bringen mir auch Neues. Vieles kann ich mir sogar merken.

Doch sowohl beim Lesestoff wie beim Fernsehen neige ich immer mehr zum Trivialen. Was soll es, wenn ich nach eine guten Stunde „Tatort“ kribbelig und etwas aufgeregt nicht einschlafen kann. Einerseits mag ich die grauslichen, mit Ketchup beschmierten Toten nicht, anderseits stören mich die schlechte Aussprache, die übertriebenen Dialekte und die zu laute schreckliche Musik im Verständnis.

Und so greife ich zu Pilcher und Ffjorde, manchmal zum Traumschiff und zu Serien, wo der Patient immer gesund wird, die jungen Liebenden sich finden, und die älteren Menschen voller Elan die Welt verbessern.

Und in einem Trivial Roman von einer Autorin namens Anette Hennig mit dem Titel „Wenn die Kraniche wieder ziehen“ fand ich dann den spannenden Satz, den sie ihrer 98 Jahre alten Heldin in den Mund legt: „Das Alter ist nicht für Feiglinge“.

Ich habe eine Beziehung zu Kranichen, auch wenn ich hier über dem Text Gänse anbiete. Ich habe das Buch recht zügig gelesen, und der Satz über das Alter stimmt für mich. Wie sonst hätte ich hier offen gelegt, was ich fernsehe und was ich lese!

 

Sorgen

Dieses Wort höre ich eher traurig: Sorgen hat man, sich sorgen muss man, versorgen müssen die Kleinen, und versorgen muss man die Alten! Entsorgen ist seit meiner Jugend zu einer Wissenschaft geworden. Man kann das Wort auch fröhlich interpretieren: Sorgen für jemanden, für ein Tier, für eine Institution. Besorgen – besorgt sein, positiv besetzt.

Ich denke, wenn man den Nächsten bei den vielen Wünschen, die zirkulierten als das alte Jahr sich verabschiedete, „keine Sorgen“ verordnete, so ist das zu viel verlangt. Wir brauchen sie nämlich, diese kleinen und grossen Unpässlichkeiten, Traurigkeiten, Unsicherheiten, wir benötigen sie, um zu wachsen. Indem wir mit ihnen umgehen, sie verdauen oder vernichten erreichen wir einen glücklicheren Zustand. Es ist uns möglich, diese Plagegeister zu ENTSORGEN!

Schon haben wir die ersten Tage im 2019 gebodigt.

Gebodigt: ein Schweizer Ausdruckt, der wohl vom Schwingsport kommt. zu Ende gebracht, erledigt – vorbei. Vorbei ohne Glimmer, vorbei wie die Tage vor Weihnachten einer nach dem anderen, ähnlich wie eine Perlenkette. Da waren die Höhepunkte, vom Kalender diktiert. Jeder und jede haben sie anders gesetzt, verschieden gewertet.

Mauro und Marina sind in die Karibik geflogen und haben dort Wärme, Sonne und Sand genossen.

Selim und Selina waren auf der Alp Gorana und haben in einer Hütte am Feuer gesessen, Käse und Brot gegessen und Wein Getrunken. Tagsüber sind sie im Wald mit Schneeschuhen über die Schneefelder gerutscht.

Douglas und Doreen waren im Palace Hotel. Er spielte hie und da mit Kollegen Curling. Sie spazierte auf der Dorfstrasse und pflegte Kontakte mit den Bijouterien und Boutiquen. Silvesterball mit Band und Menu exclusive, Champagner und Kaviar; stilvolle Garderobe und angeregte unreflektierte Unterhaltung.

Urs und Ursina blieben daheim. Sie sahen sich die Tagesschau an, täglich zur gleichen Zeit. Sie gingen zu Bett, täglich zur gleichen Zeit. Am nächsten Morgen standen sie auf, täglich zur gleichen Zeit, gingen Einkäufe machen, täglich zur gleichen Zeit, Mittagessen, Abendessen alles immer zur gleichen Zeit. Weihnacht, Silvester, Neujahr alles im gleichen Muster. Sie hatten eigentlich gar nicht gemerkt, dass etwas geändert hätte.

Und? hat sich wirklich etwas geändert? Nach vier Tagen im Januar 2019 glaube ich auch, es geht einfach weiter. Ein etwas künstlicher, gekünstelter Höhepunkt, hinein manövriert in den Lauf der Dinge. Durch langjährige Traditionen aufgewertet, aufgeputscht, und durch religiöse Empfindungen hochgehalten. Die Traditionen sind nicht global gleich, die Religionen schon gar nicht. Es gibt noch andere Festzeiten, sogar andere Neujahrsfeste. Schön, dass wir all dies feiern oder nicht feiern können, ganz wie es uns behagt.

In diesem Sinne bin ich froh, geht es jetzt wieder gerade aus. Und für mich besonders wichtig: die Tage werden länger!

Sinn und Unsinn von Besinnlichkeit und Stress

Alle Jahre wieder werde ich aufgefordert, „besinnlich“ zu werden, keinen Stress zu haben oder zu verbreiten und mich zu freuen. Die Aufforderung hört ich wohl – allein mir fehlt der Glaube, um abgewandelt mit einem grossen Dichter zu sprechen.

Allein merke ich wenig davon, weder vom Stress, der in den Blättern vom Leitartikel bis zum Feuilleton genüsslich beschrieben wird, noch vom Besinnlichen, das ebenso von A bis Z hervorgeholt, beschrieben oder gar beschworen wird.

Eigentlich sehe ich nur die Kugeln, die Tannenbäumchen, die Sterne, alles farbig, golden oder silbern glänzend. Ich sehe Mitmenschen eilen von der Apotheke zur Drogerie, von der Migros zum Coop, vom Aldi zum Lidl. Aber sind sie alle wirklich so gestresst? Vielleicht geniessen sie ihn ja, den Adrenalin Stoss den man Stress nennt. Also jagen sie einfach mit den anderen mit. Hinterher oder voraus, je nach Temperament oder Wetter Einfluss. Man macht mit. Gruppendynamik halt.

Die Gruppendynamik spielt auch bei der viel gepriesenen Besinnlichkeit: worauf – eigentlich – wollten wir uns besinnen? War es das Menu für den Familien Abend oder die Einkäufe für die Enkel. War es ganz einfach das Bereitstellen der Medikamente, die zwischen den Jahren zu schlucken sein werden. Besinnen- vielleicht doch. Vielleicht ein kleiner Gedanke daran, wie gut wir es haben. In einem Land ohne Not zu leben, in einem Land, wo wir reden dürfen, wie es uns gefällt. In einem Land, wo Schulen, Spitäler, Altersheime und Soziale Einrichtungen funktionieren. Wenig Korruption, wenig wirklichen Ärger haben wir. Wir könnten uns darauf besinnen. Jeder nach seinem Credo, auf Religiöses oder Mitmenschliches, auf die Natur oder auf die Technik. Wir sind frei zu tun, was wir möchten, wie wir es möchten. Und wir dürfen auch Stress machen, wenn wir das unbedingt brauchen.

In diesem Sinne wünsche ich stressfreie, besinnliche Tage und

ES GUETS NEUS!

Festtagsstimmung ohne Schnee