Nagellack

IMG-20190104-WA0002Der direkte Zug aus dem Hauptbahnhof Zürich war recht besetzt. Entgegen meiner neugierigen Natur setzte ich mich ohne auf mein Gegenüber zu achten auf einen freien Platz. Am Vormittag hatte ich die Ausstellung über den Landesstreik 1918 besucht. In Gedanken war ich noch immer bei den Meinungen, die die Kuratoren vertreten haben.

Eine Erstklässlerin mit dem innigen Wunsch die Haare wie alle anderen lang zu tragen, hat kürzlich das Plakat als Protest den Eltern gezeigt. Die Streikenden von 1918 trugen ihre Sonntagskleidung, Hut, weisses Hemd, dunkler Anzug, glänzend geputzte Schuhe. Sie trugen keine Transparente (wer hätte ein Leintuch damals verschnitten!) und waren unbewaffnet. Dagegen wurde die aufgebotene Armee bedrohlich dargestellt. Ich dachte darüber nach, wie sich die Unzufriedenheit im Laufe der Zeit immer anders manifestiert hat und schmunzelte in Gedanken an das Protest Plakat der Erstklässlerin.

Plötzlich erhebt sich die Dame vis-à-vis, und schreckt mich aus meiner Reflexion. „Es stinkt!“ schreit sie, und als ich sie anschaue, zeigt sie auf eine Frau im Abteil nebenan. Empört schnaubt mein flüchtendes Gegenüber noch „Nagellack!“ Nebenan sitzt ein Paar, das sich in einer slawischen Sprache unterhält. Die Frau hat offenbar ihre Nägel angestrichen. Mir ist es peinlich, als sie zu mir sagt, ich möge bitte entschuldigen, sie hätte keine Zeit gehabt, die andere Hand fertig zu lackieren.  Uns beiden ist klar, die Ursache des Ausbruchs meiner Ex Nachbarin war kaum der Geruch, es war vermutlich die osteuropäische Sprache. Ich fremdschäme mich wieder einmal, obwohl ich mir vorgenommen hatte, mit dem abzufahren!  Die Fremde lächelt. Mit ihrem charmanten Akzent sagt sie: „Es gibt gute und böse Menschen, man muss mit beiden Arten leben.“ Und sie bedankt sich bei mir für die Unterstützung, denn es brauchte nur Blicke und Gesten, um diese zum Ausdruck zu bringen.

Vielleicht sollte die SBB ein Plakat entwerfen: „In diesem Zug ist das Lackieren von Nägeln nicht erlaubt!“ Oder einfacher: „chli schtinkä mueses“

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