Berufsberatung Berufserfahrung

Angehende Erwachsene in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts

Mit fünf Jahren verkündete ich wolle Kindergärtnerin werden. Da sagte mein Vater mit ernster Miene „das geht nicht, das ziemt sich nicht für ein jüdisches Mädchen, da findest du nie eine Stelle!“

Später wollte ich Forscherin, Apothekerin, Praxisassistentin werden – alle meine Versuche, etwas zu werden, wurden stets mit demselben stereotypen Satz erstickt. Auch Tierärztin und Journalistin gehörten zu meinen Wunschvorstellungen, wie ich denn einst mein Leben fristen könnte. Papa war der Ansicht, ein reicher Mann, Kinder, eine Ahnung vom Führen eines Haushaltes und „eine Handelsschule, das kann nicht schaden“ wären Voraussetzungen für ein glückliches Leben seiner Tochter.

Auf einem raffinierten Schleichweg hatte ich Papa dazu gebracht, mich in der Kantonsschule anzumelden, und so war ich der Töchterschule mit ihrem Kurrikulum in Handarbeit und Kochen entflohen. Heute weiss ich, dass Papas Abneigung gegen die Mittelschule der Angst entsprang, Töchterchen könnte die Aufnahmeprüfung nicht schaffen, was er als Schande betrachtete!

Journalistin blieb immer noch auf der Wunschliste, als ich durch Zufall eine temporäre Anstellung in einem Verlagshaus im Sekretariat des Lektors erhielt. Es war der Anfang meines Berufslebens und eröffnete mir neue Einsichten. Der Verlag gab auch eine Zeitung heraus. Manchmal konnte ich einen der Redaktoren zu einem Theaterbesuch begleiten. Die Zeitungskritik durfte ich bald einmal als Entwurf abgeben. Offenbar wäre Journalistin doch nicht so falsch. Ich sparte mein Gehalt und schrieb mich zum Sprachstudium ein. Das hatte eher geographische Gründe. Die Uni lag unweit des Ortes, wo mein Freund seine Rekrutenschule absolvierte. Ich vermute, Papa hatte dies nicht von Anfang an durchschaut.

Nach weiteren Lehr- und Wanderjahren landete ich – zum grossen Vergnügen des Patriarchen- – da, wo er mich haben wollte: als Angestellte in seinem Betrieb. Als seine Sekretärin lernte ich unter Schweiss und Tränen vieles von dem ich heute weiss, es war gut für mich. Er war ein harter Lehrmeister. Privilegien genoss ich keine, eher Hindernisse und Erschwernisse. Ich war nun Sekretärin.

Meine Zeit als Familienfrau brachte es mit sich, dass ich allerlei Berufe aufs Mal ausübte. Ich muss diese nicht auflisten, sie sind jedem Menschen bekannt, der eine Familie mal näher studiert hat. Zu den üblichen kam mein Hobby, das Schreiben dazu. Später, als Papa und sein grosser Betrieb nicht mehr da waren, als die Familie in dieser Form nicht mehr da war, wurde ich wieder Sekretärin mit journalistischen Möglichkeiten, wie damals am Anfang im Verlag.

Und heute: Das Schreiben beschäftigt mich noch immer und bringt mir Freude. Als Sekretärin und Buchhalterin betätige ich mich ebenfalls. Was allen diesen Bemühungen im Alter gemein ist; sie sind nicht bezahlt. Hatte Papa also doch recht?

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