Eine Zeitblase?

Die Gespräche um unsere Isolation tönen ähnlich: heute geht es gut, mittelprächtig, und heute, nein, heute geht es miserabel. Heute an diesem Freitag, nein es ist ja erst Mittwoch fällt mir die Decke auf den Kopf, möchte ich mir die Haare raufen, regt mich der Rasenmäher Lärm auf und so weiter. Wenn diese Gefühle im Laufe des normalen Lebens v.C., also vor Corona, geäussert werden, wird man je nach dem als heiterer Mensch, als launische Nudel oder als Jammertante qualifiziert.

Nicht so in diesen Wochen, es ist i.C. (IN Corona), und wir sind alle etwas empfindlicher. Es nervt schon, wenn die beiden, die mir auf dem Waldweg begegnen, nicht gewillt sind, hintereinander zu gehen, während wir uns kreuzen. Es nervt, wenn jeden Abend um fünf Uhr, wir erwarten auf dem Sonnenbalkon das Glas Weissen, der Säugling von gegenüber seine Schreistunde hat. Und alles das jetzt so nervt nimmt i.C. ungeahnte Dimensionen an. Während es in der v.C. Ära genügte, kurz das Fenster zu schliessen, wird jetzt im i.C. Modus geächzt und geklönt, bevor man den müden Popo erhebt und sich von dem Schreisäugling räumlich entfernt. Dies eine Bestandesaufnahme meiner i.C. Zeitblase,

Die Zeitblase gibt es aber auch ausserhalb des Ausserordentlichen. Schaut ihr auch in den Spiegel? Seht ihr die Person, die euch da anblickt? Kennt ihr sie? Ich meinte viele Jahre lang, ich wüsste wer ich bin, wie ich aussehe, wie ich mich fühle, wo ich bin, und vor allem dachte ich mein Alter wäre mir bekannt! Doch mit den Jahren die ich zulegte, schwand mein Verständnis für diese Zahlen. Ich kann es je länger je weniger glauben, dass ich in diesem neuen Jahrhundert schon bald zwanzig Jahre lebe! Wie war das doch aufregend, 2000 zu schreiben, wie spannend zu diskutieren, ob die Computer das alles schaffen würden. Das grossartige Erlebnis des Jahrtausenwechsels erlebte ich auf einer Tropeninsel, bei einem Tropengewitter, Blitz und Donner statt Feuerwerk, regennassen Tischtüchern und mit einer beginnenden Lungenentzündung meines Gefährten, im Hotelzimmer im Bett. Es gab da einen Fernseher. Wir konnten von Samoa bis zu den Osterinseln sehen, wie rund um den Globus Hallo 2000 gefeiert wurde. Es hatte begonnen, dieses Jahrtausend, wir waren dabei gewesen. Und?

Heute rief mich ein Freund an, Ungare mit viel Schweiz drin. Es war auch so ein Isolationsgespräch. Wie gehts? Wer kauft ein? Wie ist das Befinden? Aus dem Trott komme ich, als er mich aufmerksam macht: „wir haben ja schon zwei Jahrtausende in unserem C.V.( Lebenslauf, nix mit Corona), wir haben schon so viele Kriege und Katastrophen gesehen, wir haben Knappheiten und Überflüsse erlebt, Dürren und Überschwemmungen, Abstürze und Einbrüche, Erfindungen und Entdeckungen. Ich frage ihn unterbrechend: Ja und, bist du dir bewusst, wie alt wir sind? Nein, er lacht mit mir, wir bleiben doch einfach jung!

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