Der 8. Mai

Ich lese von Axel Buddenbaum „Kriegsende und Neuanfang“ anlässlich des Datums. Eine ganz ander Sichtweise, als die mir geläufigen. Für mich ein hochinteressantes Dokument, wie es „den Deutschen“ seinerzeit ging….

Schweizerin, Jüdin, Frau – ich habe als kleines Mädchen noch erlebt, wie die Sirenen kreischten und wusste, ich muss in einen Luftschutzkeller wo immer ich auch bin. Ich habe Erinnerungen an Lebensmittelknappheit, Kartoffeläcker in vormals eleganten Gärten, an Kohlenspeicher in eben diesen und vieles anderes, für meine Kinder Selbstverständliches, das in jener Zeit wunderlich, unerreichbar, ja kaum wünschbar war! Als Friedrichshafen bombardiert wurde, konnten wir das Leuchten der Bombenangriffe hinter dem Dach des Nachbarhauses in der Ferne sehen!

Der heutige Tag ist normal, so normal, wie die Tage eben in Corona Zeiten sind. Gegen Abend kommen Telefone von Freundinnen. Der nahe grosse Mond hat uns alte Schachteln letztens schlecht schlafen lassen. Man langweilt sich, man möchte raus. Man möchte jemanden umarmen. Noch viele Wünsche werden wach. Und doch sind wir zufrieden. Wie ich schon erwähnte, sind wir eine glückliche Generation.

Das Telefon von meinem Freund Ernst ist anders. Er ruft von der Ostküste der USA an, wo er und seine Familie schon lange zuhause sind. Ernst ist mit mir in die Primarschule gegangen. wir sind seit Kindsbeinen befreundet. Jetzt heisst er Ernest und redet Amerikanisch. Noch etwas älter als ich, teilen wir viele Kindheitserinnerungen und -Erlebnisse. Er erzählt gut gelaunt von einem kleinen Spaziergang heimkommend von der Familie und von seinem Rentnerleben. Der 8. Mai. Ja sagt er, European V-Day. Und „weisst du noch“, folgt. Er ging in ein Schulhaus, das genau gegenüber des Fabrikgebäudes lag, wo sein Cousin arbeitete. Ernst und vier Schulkameraden mussten bei Sirenenalarm in dieses Gebäude rennen und dort in den Keller.

In seiner Erinnerung wird es fröhlicher. Die fünf Buben gingen in ein Büro und spielten dort mit Material oder Papieren. Bei Endalarm gings zurück ins Schulzimmer. Flogen die Bomber vom Einsatz zurück, ging der Alarm von neuem los, und die fünf hatten nochmals ein „Käferfest“.

Ernest ist ein glücklicher Amerikaner geworden. Sein Vater wurde in Dachau umgebracht. Er floh mit seiner Mutter via Belgien und Holland nach Frankreich. Auf abenteuerlichen Wegen kam er in meine Heimatstadt, wo er bei Verwandten Unterschlupf fand. Nach dem Krieg emigrierte er in die USA, wurde GI. Als Übersetzer wurde er dank seiner guten Deutschkenntnisse bei den Nürnberger Kriegsverbrecher Prozessen eingesetzt.

Wie gesagt, er hat telefoniert. Er ist ein zufriedener, dankbarer, demütiger amerikanischer Staatsbürger.

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