Freuden und Leiden

Mein Blog Titel war ursprünglich gedacht, um Älteren hie und da ein Lächeln, ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern. Ins Gesicht, das nicht mehr in jugendlicher Frische strahlt, sondern gezeichnet ist von Jahren auf dieser wunderschönen Erde. Die Jahre jedes Einzelnen waren unterschiedlich. Sie alle erlebten Gutes und weniger Gutes, man war gesund oder krank, man war stolz auf sich und seine Lieben, man schämte sich für sich selbst und sie.

Diese erfahrenen Mitmenschen, diese „Alteren“ wollte ich fröhlich machen, für einen Moment, für eine Stunde, vielleicht für einen Tag.

Ich suchte das Leichte und die Lebensfreude, fand sie und wollte sie vermittelnn.

Heute nehme ich Abschied von diesem Vorsatz. Ich brauche selbst eine Lupe oder ein Fernglas, um die Freude für mich Alte zu finden. Gestern habe ich ein Zipfelchen gehalten: nach der trockenen, „touchless“ Coronazeit habe ich die beiden kleinen Enkel umarmt. Es hat unendlich wohlgetan. Auch den kleinen Urenkel auf den Knien zu halten war solch ein Moment.

Ich weiss, es geht nochmals aufwärts. Die Zähne werden wieder heilen, ich werde wieder ohne humpeln gehen und ohne Weinen sprechen können. Und ich werde wieder die Kraft finden, meinen Mister Excel zu umsorgen. Ich werde die Dankbarkeit wieder spüren meiner Familie und meinen Freunden gegenüber.

Ich verabschiede mich, bis ich die Freude wieder laut und deutlich spüre und mit einem Lächeln weitergeben kann.

Diebstahl Sicherung

Diese alte lederne Geldbörse war unsere Diebstahlsicherung, als mein Vater endlich seinen ältesten Traum vom Haus auf dem Land erfüllt hatte.

Das Ferienhäuschen steht am Seeufer, mitten in Feldern damals noch. Die Kühe weideten ringsum, Der benachbarte Bauer kam regelmässig, wenn wir nicht da waren. Nebst Mähen und anderen Gartenarbeiten war es seine Aufgabe, zu beobachten, ob etwas Verdächtiges passiert sei.

Zum Schutz vor Einbrüchen hatte Papa auch so seine Ideen: die Geldbörse, meinte er, müsse immer mit Inhalt mühelos greifbar sein. Denn, schlussfolgerte er, jeder Einbrecher würde erst mal Schubladen öffnen und Bares suchen. Wenn der böse Einbrecher dann die Geldbörse fand, mit „einem Zwanzigernötli und etwas Münz gefüllt“, würde er zufrieden abzotteln.* Der Schaden wäre dann gering. Papa fürchtete sich vor aufgebrochenen Schlössern, ausgeleerten Schubladen mit verstreutem Inhalt zum Aufräumen!

Inzwischen stehen viele Häuser am Weg. Die Nachbarn wohnen ganzjährig hier. Es herrscht Betrieb. Keine Kühe weiden mehr. Trotzdem ist es noch immer eine ruhige Umgebung.

Heute räume ich auf. Mein Sohn ist jetzt Hausherr. In einer Küchenschublade finde ich die braune Geldbörse. Sie ist älter als ich. Auch sie hat ihren Dienst getan: es gibt eine Alarmanlage!

  • Erklärung: Schriftsprache: ein Zwanzig Franken Schein – vor 60 Jahren ein kleines Vermögen

BLACK LIVES MATTER – aber eben auch alle anderen

Hier hat jemand der jüngeren Generation meine eigenen Gedanken zum Thema deutsch und deutlich klar gemacht. Der Begriff Rasse sollte verschwinden und es wäre einfach nur überall Anstand nötig!

Meine Ecke im Netz

Was darf ich sagen, wenn ich ausdrücken will, dass ich schwarz sehe? „Politisch korrekt“ oder im Trend der Zeit, meine ich. Muss ich sagen, ich sehe da etwas, was im extrem dunklen Bereich der Farbskala liegt?

Ich sehe es mit einer gewissen Sympathie, wenn die großen Sklavenhändler von ihren Sockeln gerissen werden. Ich begrüße es, wenn Strassen, Plätze und Kasernen einen sinnvollen Namen erhalten und nicht mehr Rassisten oder Faschisten glorifizieren. Aber ich denke auch, dass man es nicht zu weit treiben sollte. Bin ich Rassist, wenn ich aus alter Gewohnheit „Negerkuß“ zu dem köstenlichen Schoko-Sahnestück sage? Mohrenkopf finde ich da schlimmer. Auf die Idee einen farbigen Mitbürger oder Kollegen „Nigger“ zu nennen, würde ich nie kommen. Die Bezeichnung „farblich dunkler pigmentierte Hautfarbe“ ist m.E. eine Frechheit.

Sprache lebt, sie ist einfallsreich und meistens treffend. Wer überholte Begriffe nutzt, ist noch lange kein Rassist. Korrekterweise müsste der Begriff „Rasse“ komplett…

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Cogito oder nicht!

Eben, das hat Herr Descartes gesagt, der ja so viel gescheiter ist, er denkt, also ist er. Und ich? Im Moment fühle ich nur. Schon, weil in jedem zweiten Text, den ich lese, ein Autor von gefühlten 40 Grad oder gefühlten zwei Metern, oder gefühlten Minustemperaturen schreibt. Na ja, also fühlen sie halt auch.

Bei mir ist es aber leider so, ich denke auch gerne, doch es verwischt sich da einiges, manchmal macht es mich müde, manchmal vergesse ich das Gedachte.

Also ich fühle und ich bin! Ich fühle, wie ich müde werde, zu einem Zeitpunkt,wo vor nicht allzu langer Zeit noch kein Bisschen Schwäche war. Ich fühle, wie meine Augen bei langer Lektüre plötzlich nicht mehr die Verbindung zum Hirn und dem entsprechenden Nerv herstellen. Ich fühle, wie meine Arme langsamer schwingen, wenn ich bei Bayern 3 mit den Senioren Turnübungen mache. Ich fühle, wie meine Schritte Sicherheit verlieren, wie die Knie zittern , wenn es abwärts geht. Die Gefühle lassen sich beliebig erweitern.

Und ich fühle, wie mir das Denken abhanden kommt, wie ich mich immer mehr in in meine Mitmenschen hinein fühle, in die traurigen Angehörigen einer Patientin, die wohl nicht mehr zurück in ihr Heim kann, an die Ehefrau, deren Mann schwer krank im Spital liegt, an die Menschen, denen Verluste bevorstehen. Ich fühle mich auch ein wenig hinein in den Mainstream, der diese Horden auf die Strasse gehen lässt, obwohl ich es mit dem bisschen Denken nicht gut heissen kann.

So schreibe ich an diesem regnerischen Tag: Ich fühle, also bin ich!

Denken, Erinnern, Verstehen

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, Freundliches, Fröhliches Festliches zu beschreiben, das älteren Menschen oder vielleicht auch mal jüngeren Freude bereitet, neige ich in letzter Zeit dazu, besinnlicher zu sein.

Vielleicht ist es die Endlichkeit, das eigene Verfalldatum, die näher rücken und deren Nähe wir zu spüren bekommen. Vielleicht hat die Natur (Gott? Vorsehung? Schöpfung?) uns so eingerichtet, diese Abschlusszeit zu empfinden. Es gilt also, sie zu nützen!

Haben wir jetzt mehr Zeit, wo wir keine Aufgaben wahrnehmen müssen? Wir können, sollen oder dürfen sie erfüllen. Wir dürfen aber auch in die Wolken sehen und denken. Geht das Sinnen dann rückwärts? Bei mir schon. Immer an Geschichte und Geschichten mehr interessiert als an Physik, Mathematik und Chemie, dreht sich mein Gedankenfluss und geht zu den Quellen zurück.

Worte, die der Vater, ein Lehrer eine Freundin, ein Freund mir sagten oder schrieben, stehen in dieser Wolkenwand. Sie tönen in meinen Ohren und sie gelangen zusammen mit vielem, das ich gelesen habe, in mein rückwärts gewandtes Gehirn.

Und mit all diesen Erinnerungen an Gutes und Schönes, an Gescheites und Dummes erscheinen neue Geschichten, die sich mit dem täglichen Leben einer alten Frau (gerne auch älteren Dame) vermischen.

Daraus folgt für mich Erstaunliches. Langsam beginne ich aus den neuen Geschichten zu verstehen: es kommt ein grosses Aha auf mich zu. Deshalb also hat die Grossmutter nie gelächelt. Darum wurde mein Vater in diesem Moment aus einem kleinen, unersichtlichen Grund plötzlich so fuchsteufelswild! Und auch noch dieses: vielleicht war ich gerade damals mit so einer Geschichte befangen und schrie deshalb mein Gegenüber an. Beispiele finden sich jetzt und werden sich mir wohl weiterhin beim Laufen und unter der Dusche vorstellen.

Gerne hätte ich mehr „Freude für die Alteren“ bekannt gemacht. Vielleicht hilft es, einfach den Mechanismus zu verstehen, oder sich darüber zu freuen, wie Erkenntnisse funktionieren!

Meine Tante hat Klosettpapier….

Um es vorweg zu nehmen: wir haben nichts gehamstert! Weder Klosettpapier noch Mehl, noch Teigwaren noch sonst was. Nicht einmal lange haltbare Konservendosen haben wir im Übermass angeschafft. Der Gedanke war klar: so lange wie die halten, leben wir kaum mehr.

Bei den Pfadi (Pfadfiner/innen) war es seinerzeit Sitte, sogenannte Lumpenlieder zu singen. Diese handelten von komischen Helden, sei es Herr Quintilius Varus, sei es eine Flunder, die sich in einen Hering verliebte, oder auch eine Hulda, ermordet von einem Herrn aus Bern. Gefallen hat mir schon sehr früh eine „Ballade“ über „meine Tante“, die Klosettpapier mit Blümchen hatte, und deshalb sehr modern war. Man muss der heutigen Jugend dazu erklären, wie Klopapier damals eher kratzig war, und ein Muster mit Blümchen war absolut undenkbar. Die Tante hatte auch einen Bandwurm, der Männchen machte und vielerlei anderes Wundersames, dessen Besitz eben diese Tante so modern machte. Ich höre noch die mit Hingabe geschmetterten Worte „Meine Tante, meine Tante ist modern, ja hochmodern“!

Nun ist mir das Liedchen im Zuge der Toilettenpapier Hamsterei zu Corona wieder eingefallen. Und dann wurde ich auf eine neue Prägung bei unserer Hausmarke aufmerksam. Da war ein Marketing Spezialist auf eine grandiose Idee verfallen. Die blumige Prägung auf den einzelnen Teilen blieb dieselbe. Es ist eine Ellipse, die mit Blümchen (!) umrandet das ganze Teilchen ziert. Der Slogan zum Klopapier heisst dazu noch „ein Abschnitte genügt!“ Doch: das ganze Dessin war jetzt plötzlich um zwei ganze Zentimeter verlängert worden. Damit gab es pro Rolle zu sagen wir 100 Teilen auf einmal Nutzung zum selben Preis in derselben Verpackung. Da „Ein Abschnitt genügt“, es aber bedeutend weniger Abschnitte gibt, wird der Konsum an Toilettenpapier erheblich erhöht. Der Direktor, der sich dies einfallen liess, wollte wohl die Corona Hausse künstlich erweitern. Oder einfach mehr Umsatz, Oder – wer weiss – vielleicht kleinere Mengen Sch…..

Papier wird bekanntlich aus Holz hergestellt!!!

Selbstschutz

Wahrscheinlich war ich nie sehr selbstbewusst. Die mich kennen, werden die Hände zusammen klatschen und laut „aber nein“ rufen, denn offenbar wirke ich auf andere eher forsch. Diese Tatsachen kann ich nicht erklären, denn nur ich selbst weiss, oder eher noch, habe gewusst, wie elend es mir immer war, wenn ich auffiel, wenn ich etwas allein und vor anderen Menschen erledigen sollte, ja, wenn ich einen Auftrag zu erledigen hatte. Schickte mich der Vater zum Beispiel zum Blumen pflücken und einem anschliessenden Besuch mit Blumen Abgabe, so zitterten mir die Knie vom Moment an, wo ich an der besagten Haustüre klingelte, bis ich wieder draussen war.

Schon früh, glaube ich, hatte ich ein ganz besonderes Mittel gefunden, um meine Scheu und mein ungeheuer schwaches Selbstbewusstsein zu verstecken. Ich fand heraus, dass es heilsam für mich wäre, mich über mich selbst lustig zu machen. Mit dem Satz „schau mal, was ich wieder Dummes gemacht habe“, zeigte ich auf einen grossen Klecks auf dem weissen Blatt, das zu bemalen war. Konnte ich die Schuhe nicht perfekt binden, rief ich der Kameradin zu „ich bin einfach heute so ungelenk, und nein, eigentlich immer, kannst du mir bitte…“. So wurde ich auch etwas beliebter. Und diese Folge half mir, etwas bestimmter aufzutreten.

Wenn natürlich zwei starke Lausbuben mich an einen Zaun fesselten – es war Fasnacht und sie waren Indianer – konnte kein noch so ironisches Selbst-herunter-machen helfen. Unbeweglich hing ich in den Seilen am Zaun und getraute mich nicht einmal, zu rufen. Still vor mich hin weinend wartete ich, bis sich endlich jemand meiner erbarmte.

Die Taktik funktionierte für mich über die ganzen ersten fünfzig Jahre meines Lebens. Äusserlich wirkte ich oft suverän, bestimmt, sicher. Die inneren Zweifel, das Zittern, das Schwitzen kurz, die Angst nicht zu genügen, die mich stets begleitete sie wurden erst behoben als ich Grossmutter wurde. Dass ich kürzlich zur Urgrossmutter avanciert bin, hilft meinem inzwischen recht gesunden Selbstbewusstsein bestimmt noch einmal!

C – Wörter und Versandkataloge

Zu gerne hätte ich gerne mal eine Stunde, eine Woche, einen Tag oder gar mehr ohne die C-Wörter. In der Zeitung, im Radio, im T V und natürlich in (fast) jedem Gespräch, in jeder Unterhaltung.

Haltung: die einen zweifeln, die andern glauben, die dritten mutmassen und die vierten fluchen. Nützt alles nichts – C ist allumfassend!

Im Gefolge kommen die Mails und das viele, viele Papier – schade um die Arbeit der Post und vor allem schade um die vielen Bäume!

Ich erinnere mich: als Papa nicht mehr ausgehen konnte oder wollte, steckte er den Kopf leidenschaftlich in die Versandkataloge. Er schaut und verglich, schaute und rechnete, schaute schliesslich und bestellte. Natürlich alles aus seinem Fauteuil im Wohnzimmer aus. Die von ihm verteufelten Rechner hatten keinen Platz in seinem Heim. Es genügte ihm zu wissen, dass diese unglücklichen und Unglück bringenden Dinger den Leuten die Arbeit weg stahlen! Also rechnete er Kopf. Danach füllte er den Bestellschein aus, leckte die Briefmarke und wartete.

Das Bestellte kam, sei es etwas Praktisches, Nützliches, etwas Schönes oder etwas Unbrauchbares. Es wurde geliefert, ausgepackt, begutachtet, bezahlt und behalten.

In der Flut von Angeboten, die sich als Folge von C über uns ergiesst, denke ich oft an Papa und seine „Einkäufe“.

MAMA

Mit dem Älterwerden kommen die Gedanken in der Dusche zumeist auf einem weiten Weg zu mir. Sie erreichen mich aus Tiefen, und die Erinnerung wird plötzlich wieder so lebendig.

Muttertag. Erste Klasse Primarschule. Die ersten paar Wochen Unterricht liegen hinter den vierzig kleinen Mädchen, die mit mir bei derselben Lehrerin Lesen und Schreiben lernen.

Schon naht der Muttertag. Für die Oma, stets schwarz gekleidet, mager, etwas verhärmt, ein schlimmer Tag. Ihre Tochter, meine Mutter, wird ihr nie mehr etwas zum Muttertag schenken. Schon seit sechs Jahren liegt sie auf dem Friedhof.

Als die Lehrerin den Schülerinnen verkündet, man mache ein Geschenk für die Mama, strecke ich, wie gelernt, meinen Arm, meine Hand mit dem Zeigefinger voran. Endlich nimmt sie mich wahr. Ich erkläre, ich hätte nur die Oma zuhause. Das macht nichts, ist die kurze Antwort. Die Lehrerin verteilt jedem Kind ein Kärtchen. An die Wandtafel schreibt sie MAMA. Es ist noch Krieg, und Papier ist rar. Auf das Kärtchen dürfen wir das Wort schreiben und mit Farbstiften einen Blumenkranz darum. Grosser Luxus, denn wir schreiben sonst auf eine Schiefertafel mit Griffeln!

Das Kärtchen bringe ich der Oma am Samstag vor dem Muttertag. Ich verstehe nur halbwegs, warum sie weint.

Der 8. Mai

Ich lese von Axel Buddenbaum „Kriegsende und Neuanfang“ anlässlich des Datums. Eine ganz ander Sichtweise, als die mir geläufigen. Für mich ein hochinteressantes Dokument, wie es „den Deutschen“ seinerzeit ging….

Schweizerin, Jüdin, Frau – ich habe als kleines Mädchen noch erlebt, wie die Sirenen kreischten und wusste, ich muss in einen Luftschutzkeller wo immer ich auch bin. Ich habe Erinnerungen an Lebensmittelknappheit, Kartoffeläcker in vormals eleganten Gärten, an Kohlenspeicher in eben diesen und vieles anderes, für meine Kinder Selbstverständliches, das in jener Zeit wunderlich, unerreichbar, ja kaum wünschbar war! Als Friedrichshafen bombardiert wurde, konnten wir das Leuchten der Bombenangriffe hinter dem Dach des Nachbarhauses in der Ferne sehen!

Der heutige Tag ist normal, so normal, wie die Tage eben in Corona Zeiten sind. Gegen Abend kommen Telefone von Freundinnen. Der nahe grosse Mond hat uns alte Schachteln letztens schlecht schlafen lassen. Man langweilt sich, man möchte raus. Man möchte jemanden umarmen. Noch viele Wünsche werden wach. Und doch sind wir zufrieden. Wie ich schon erwähnte, sind wir eine glückliche Generation.

Das Telefon von meinem Freund Ernst ist anders. Er ruft von der Ostküste der USA an, wo er und seine Familie schon lange zuhause sind. Ernst ist mit mir in die Primarschule gegangen. wir sind seit Kindsbeinen befreundet. Jetzt heisst er Ernest und redet Amerikanisch. Noch etwas älter als ich, teilen wir viele Kindheitserinnerungen und -Erlebnisse. Er erzählt gut gelaunt von einem kleinen Spaziergang heimkommend von der Familie und von seinem Rentnerleben. Der 8. Mai. Ja sagt er, European V-Day. Und „weisst du noch“, folgt. Er ging in ein Schulhaus, das genau gegenüber des Fabrikgebäudes lag, wo sein Cousin arbeitete. Ernst und vier Schulkameraden mussten bei Sirenenalarm in dieses Gebäude rennen und dort in den Keller.

In seiner Erinnerung wird es fröhlicher. Die fünf Buben gingen in ein Büro und spielten dort mit Material oder Papieren. Bei Endalarm gings zurück ins Schulzimmer. Flogen die Bomber vom Einsatz zurück, ging der Alarm von neuem los, und die fünf hatten nochmals ein „Käferfest“.

Ernest ist ein glücklicher Amerikaner geworden. Sein Vater wurde in Dachau umgebracht. Er floh mit seiner Mutter via Belgien und Holland nach Frankreich. Auf abenteuerlichen Wegen kam er in meine Heimatstadt, wo er bei Verwandten Unterschlupf fand. Nach dem Krieg emigrierte er in die USA, wurde GI. Als Übersetzer wurde er dank seiner guten Deutschkenntnisse bei den Nürnberger Kriegsverbrecher Prozessen eingesetzt.

Wie gesagt, er hat telefoniert. Er ist ein zufriedener, dankbarer, demütiger amerikanischer Staatsbürger.