Wurmfortsatz!

Die heutige Dusche hat meine grauen Zellen zu folgenden Gedanken ermuntert: Wenn ich das Menschenleben ansehe, wie einen menschlichen Darm, so ist der Teil, den ich jetzt durchlaufe der Wurmfortsatz, den man gemeinhin als Blinddarm bezeichnet und den Chirurgen in aller Welt liebend gerne entfernen! Das kleine Stückchen Darm ist absolut entbehrlich, es ist klein, kurz und unnötig. Ich wäre also jetzt im Blinddarm des Lebens angelangt, in einer Zeit, wo man mich nicht mehr unbedingt braucht, benötigt, benützt. Blinddarm finde ich auch so noch zutreffend: eine Zeit wo man blind wird für Ärgerliches, Unschönes und Unwichtiges. (Ich habe mir eine neue Brille verpassen lassen, aber ich sehe nur, was ich will). Hören ist schon längere Zeit nicht mehr 100 prozentig, und ich habe teure Hörgeräte, doch auch hier gilt: nur noch was ich will, höre ich!

Mein Wurmfortsatz Dasein hat viel Gutes. Ich darf, aber ich muss nicht. Ich kann oder ich kann nicht. Ich will oder ich will nicht. Und ich gestatte mir dies alles im Bewusstsein, in eben in diesem Blinddarm- oder Blindschleichen- Lebensalter zu sein, da man mich „eigentlich“ nicht unbedingt braucht. Ich darf meinen Senf dazu geben, aber niemand braucht darauf zu hören. Einen Rat gebe ich prinzipiell nur, wenn ich ausdrücklich darum gebeten werde. Es ist eine Freiheit um mich, wie ich sie in meinem ganzen „Darmleben“ – so viele Meter und so viele Windungen – nie gespürt habe. Die Freiheit, zu sein wie und wer ich bin. Die Freiheit nicht in ein Schema passen zu müssen. Die Freiheit, kein Vorbild darzustellen!

Es ist wunderschön, alt zu sein!

Parkplatz für Unbrauchbares

Reisen

Reisegepäck

Nächste Woche bin ich auf der Reise, sagte mein Grossvater, packte seine Kollektionen und verschwand.

Nächste Woche bin ich auf der Reise, sagte meine Vater, packte seine Kollektionen, lud seine beiden Scotchterriers und seine Frau ins Auto und fuhr davon.

Nächste Woche bin ich auf der Reise, sagte der Vater meiner Kinder, lud seine umfangreichen Musterkoffer in den Bus, setzte sich ans Steuer und fuhr westwärts.

Auf die Reise gehen, hiess in unserer Familie, in unserem Betrieb, man besuche Kundschaft. Kundschaft besuchte man, um Geschäfte zu machen. Da waren die kleinen Artikel, die hergestellt und vertrieben wurden, Taschentücher, für Damen und Herren und Kinder, Geschenkpackungen, Figuren und fantasievolle Muster, aufwändige Musterkollektionen voller Überraschungen, liebevoll entworfen, hergestellt und verpackt in eine Vielzahl umfangreicher Musterkoffer. Da waren aber auch ganze Kleiderständer voller modischer Damenkleider, nach Grössen und Farben sortiert und dem Preis nach geordnet. Und mit all dem gingen sie, meine Vorfahren, und auch der Vater meiner Kinder und ich „auf die Reise“.

Reisen war arbeiten!

Und heute: Der Katalog wird durchgeackert. Man will eine Reise buchen. Das Reisebüro offeriert Sport und Spiel, Erholung und Musse , Abenteuer und Erfahrung. Die Reisen können nach Themen geordnet gebucht werden, nach Altersgruppe, nach Windrichtung oder Klimawünschen, und natürlich nach dem Preis. Wie seinerzeit unsere Kollektionen!

Vernetzt

Vor vielen Jahren, als wir noch eine Familie mit Kindern waren, sandten wir jedes Jahr Fotokarten mit Glückwünschen an Freunde und Verwandte in der ganzen Welt. In den Zeiten von E-Mail und Whattsapp hat sich dies sehr geändert. Damals zierten – angelsächsisch angehaucht – viele bunte Karten unser Buffet – so hiess das Sideboard damals noch – und verstaubten dort bis so ungefähr zum 6. Januar.

Es waren diese Lebenszeichen, die wir ganz selbstverständlich aufstellten, sie durchlasen, wenn Inhalte da waren, sie notierten und in unseren Köpfen und/oder Herzen die Absender kurz Revue passieren liessen.

Heute kommen viele Grüsse der Jahreszeit auf elektronischen Wegen zu uns. Wir notieren weiter mit Kopf und Herz. Erschreckend, aber natürlich logisch ist für mich die Tatsache, dass mit jeder Kommunikation mit den Gleichaltrigen fast automatisch die Frage auftaucht, ob sie denn noch unter uns weilen. So viele Menschen unseres Alters müssen wir verabschieden, und zwar für immer. Ausser man habe einen festen Glauben an ein Wiedersehen in irgend einem Jenseits.

Eine junge Freundin, im Tessin wohnhaft, hat mir einmal gesagt, sie getraue sich nicht mehr bei uns anzurufen oder uns zu schreiben. Immer begleite sie die Angst, eine Karte mit dem Vermerk „gestorben“ oder eine automatische Antwort, „diese Nummer existiert nicht mehr“ zu erhalten. Sollen wir uns fürchten vor unangenehmen, traurigen Botschaften, Tatsachen? Es ist wohl sehr menschlich, denkt man an griechische Sagen, biblische Geschichten, Märchen, die Unglücksboten und -Botschaften thematisieren.

Für mich bleibt es eine Freude, Umschläge mit meiner Adresse drauf zu öffnen, die Nachrichten zu lesen, zu speichern, zu verarbeiten und so die Kontakte, die Freundschaften und die Bekanntschaften, die irgendwann mein Leben bereichert haben, wieder aufleben zu lassen! Und die eine oder andere „Unglücksnachricht“ muss ich auch ertragen.

Der Jeton oder entspannter Einkauf.

In den Geschäften „weihnachtet“ es! Die Amaryllis und Christrosen in allen Formen laden ein, noch einmal etwas vor -festliches in eine Ecke der Stube, vors Fenster oder auf den Tisch zu platzieren. Kaum steht man im Laden, liegen Berge von Mandarinen, Erdnüssen, Tropenfrüchten und Citrus Obst herum. Dazwischen Kühler mit Torten, dann kommen die Gemüse in Hülle und Fülle, die Salate und Zutaten. Bequem für die Konsumenten Salatsauce wird fertig daneben angeboten, Denken ist nicht so gefragt, denn mit weniger Denken auf der Konsumentenseite steigt der Umsatz!

Ich habe mir eine „gemütliche“ Einkaufs-runde verschrieben. Nichts soll mich aus der Ruhe bringen, sorgfältig habe ich meine Liste zusammen gestellt. Es kann los gehen. Viele Menschen sind mit mir unterwegs. Oft ist vor lauter Angebot kaum ein Durchkommen in den Gängen. Ein freundliches Lächeln, wenn die junge Frau nicht weiter kommt, ein „äxgüsi“ meinerseits, wenn ich im Stau bin. Der junge Mann hinter der Fisch Theke bemüht sich sehr, mir die Vorteile dieser und jener Haltung, Fischerei-art oder Haltbarkeit zu erklären. Ein anderer älterer Verkaufsprofi versucht, spezielle Fleisch Sorten an die Frau zu bringen. Ich höre geduldig zu, erkläre, wie in unserem Kleinsthaushalt wenig Fleisch benötigt wird und verabschiede mich nicht ohne ihm augenzwinkernd zu versichern, ich möge seinen Dialekt – er redet wie ich – und er freut sich „das habe ich auch gehört!“

Endlich ist die Liste abgearbeitet. Ich bin immer noch entspannt und mache mich auf, die Taschen ins Auto zu laden. Auch diese Pflicht macht mir heute nichts aus. Den Einkaufswagen zurückbringen und dann ist es erledigt, denke ich.

Aus dem Münzschlitz fliegt in hohem Bogen der Jeton. Ich höre ein feines metallisches Geräusch. Weg ist er. Ein Ehepaar fragt nach, was ich suche. Mir fehlt der Ausdruck, und die Frau meint „einen Jeton suchen Sie“, was ich bejahe. Ihr Ehemann kommt dazu. Zu Dritt suchen wir den Boden ab. Fast schäme ich mich, da ruft die Frau da ist er! Entschuldigend erkläre ich, wie ich den Jeton, Werbung der Firma, wo ich vor Jahren gearbeitet habe, immer noch zur Hand nehme. Die Frau sagt freundlich: „Das begreife ich gut, ein Andenken halt. Fröhliche Festtage und Adieu“.

Stressfrei und entspannend war dieser Einkaufstag für mich, und offenbar auch für einige andere Konsumenten!

Herrschaft, herrschen?

Ein Bekannter, Ex Banker mit Hang zum Philosophieren, schreibt statt einer Festtagskarte, er stelle seine guten Wünsche im Internet unter „die Herrschaft der Liebe“. Ach, wie schrecklich, ach wie scheusslich! Wie kann man die Liebe beherrschen, noch teuflischer: wie soll die Liebe herrschen? Liebe gibt, Liebe nimmt an, Liebe ist, Liebe mag, Liebe kann, Liebe darf, Liebe verzeiht. Liebe (be)herrscht nicht, Liebe schreibt nicht vor, Liebe muss nicht, Liebe soll nicht, Liebe stört nicht, Liebe setzt sich nicht durch.

Andererseits: was müssen wir in diesen Tagen alles lesen und sehen, das vom Konsum unter dem Begriff Liebe verkauft werden soll! Da erhalte ich einen „Adventskalender“ mit 24 guten Taten, eine pro Tag, wie bei den Pfadfindern! Was soll das? Ich kann eine Alleinstehende auch am 14. März anrufen und fragen, wie es ihr geht, einfach, weil ich an sie denke! Es muss doch nicht Advent sein, und ich muss nicht diese dunkle Zeit mit wenig Sonne mit Geschenken und Lichtern und vorgeschriebenen Liebesbeweisen füllen. Oder muss ich?

Ich bin jetzt so alt geworden und habe einen guten Teil der Lebenszeit damit verbracht zu sollen, zu müssen, zu sollen und wieder zu müssen. Das Müssen ginge ja noch, da ist ein solcher Zwang dahinter, man kann sich nicht entziehen. Aber die „Soll-Aufgaben“, die könnte man allesamt streichen. Man sollte ja wieder einmal die Frau XXY einladen, den Vetter Theo mit ins Theater nehmen, einen Brief an die Jolanda in USA schreiben, man sollte jetzt jäten, sauber machen, Fenster putzen unendlich lange Liste von Sollen!

Janina und ich haben beschlossen: wir sollten nicht mehr. Wenn wir etwas tun, dann wollen wir es tun, dann bringt es uns und dem Tun, dem Getanen etwas.

Mein Vater hat mir vor 75 Jahren in mein Poesie Album das Gedicht von Tagore geschrieben, das mit den Worten endet: „und siehe, die Pflicht war Freude“! Sehr jüdisch diese Ansicht des indischen Philosophen, sehr menschlich dazu: Pflichten sind Freuden. In diesem Sinne sollte ich jetzt das Abendbrot richten. Hungrig, wie ich bin, freut es mich darauf!

Und noch einmal: Relativ!

Da ruft die kleine Nina vom Nachbarhaus mir kürzlich zu “ ich bin jetzt schon im ersten Kindergarten, und ich kann schon ganz viele Buchstaben“. Ich staune pflichtgemäss und lobe ebenso. Und als ich mich von Nina verabschiedet und der jungen Mutter meine Referenz erwiesen habe, beginne ich nachzudenken.

Dieser Vorgang findet bei mir eigentlich morgens unter dem Duschwasser statt. Wenn es so schön herunterprasselt, gleichförmig und angenehm warm, wenn nichts und niemand zu mir vordringt, dann beginnen die grauen Zellen sich zu recken und zu strecken. Und dann wird da oben unter dem Duschregen die Welt verbessert. Da ist dann alles nachhaltig und CO2 neutral, verbessert, idealer, freundlicher und flexibler. Hört das Wasser auf zu prasseln – man darf es ja nicht übertreiben – so hört auch das Nachdenken auf, und der Tag beginnt mit dem morgendlichen langweiligen Ritual, abtrocknen, eincremen, Zähne putzen, Morgenessen und so weiter.

Heute aber kommt ein weiterer Punkt meiner Relativitätstheorie ins Nachdenken. Wenn Nina mit vier Jahren schon Buchstaben kann, „kann“ sie wohl mit sechs Jahren lesen und schreiben und vermutlich eine Dreisatzrechnung bevor sie neun Jahre alt wird. Mit elf werden dann die weiter führende Erziehung und Schulung zum Mittelpunkt der Überlegungen. Und wann, so frage ich mich, hatte Nina Zeit, mit Puppen zu spielen. Sie ging zum Ballett Unterricht, lernte Flöte und dann Gitarre, sie durfte zu Kindergeburtstagen ins MacD oder in die Kino Vorstellung. Sie lernte Skifahren und Schwimmen. Und wann, wann denn überhaupt, war sie ein unbeschwertes Kind. Die Pubertät kam früh, die Aufgaben mehrten sich, man wusste vieles… vermisste man etwas?

Also Kindheit abgekürzt: Und andererseits das Alter verlängert. Da sind wir, die Alten, seit über 20 Jahren pensioniert, mit so vielen Privilegien, so vielen Möglichkeiten, so vielen Angeboten. Und doch, muss das sein, frage ich mich unter der nächsten Dusche, so kurz Kind sein und so lange alt bleiben?

Nochmals Relativ: Aging!

In der eleganten Apotheke/Drogerie sind alle Angestellten hübsch, modisch frisiert, gut zurecht gemacht und – mir scheint es jedenfalls so – jung! Sie sind sehr zuvorkommend, suchen mir die ältesten Hausmittelchen ohne zu murren, und sie verkaufen sehr gerne. Alle paar Wochen, oder auch öfter, wird irgend ein Produkt besonders beworben. Immer ist es ein Mittel für die schöne Haut, gepflegte Hände oder Füsse, glänzende Haare oder schimmernde Augen und alles drum herum. Das ist überhaupt nicht verwerflich, es dient dem Konsum und schafft demzufolge Arbeitsplätze, kurz: all dies hält die Wirtschaft am Laufen.

Was mich jeweils nachdenklich stimmt, ist die Etikette, unter der diese Werbekampagnen laufen. Die jungen Hübschen oder hübschen Jungen vom Verkauf sind voll bei der Sache. Sie streichen mit feinen Fingern eine Prise kostbare Creme auf meine runzlige, pigmentierte Haut und beten das allgewaltige ANTIAGING Mantra. Und jedes Mal wenn ich dieses vermaledeite Wort höre, bete, nein, belle ich zurück: „Was heisst hier Antiaging? wenn sie gegen das Alt werden sind, wenn Sie mich gegen das Alt werden wappnen wollen – was passiert dann wohl?“ Ich mache eine Kunstpause, während mich die junge Hübsche oder hübsche Junge mit grossen, lang bewimperten Augen verständnislos anschaut. Höflich, wie ich erzogen bin, frage ich nicht was glotzen Sie denn so, sondern hole nochmals aus: „Wenn Sie so gegen das Aging sind und immer solche Produkte fördern, dann werde ich nicht alt! Und dann, wenn ich nicht alt werden kann oder darf, bin ich halt jung verstorben!“

Relative Inflation

Im Senioren Turnen tut sich einiges. Da kommen immer neue Seniorinnen dazu. Und sie scheinen mir so unverschämt jung! Wie können sich diese aufgestellten, rassigen, schlanken, hübschen, beweglichen Wesen auch nur Seniorinnen nennen. Wie kann der fesche junge Mann mit den knackigen Waden sich erfrechen, neben mir auf die Matte zu liegen und die Beine in die Luft zu strecken. Den Bauch spannt er an, den er doch gar (noch) nicht hat, und er stöhnt und schnauft wie eine kleine Dampflok.

Das kann doch einfach nicht sein! wie lange mache ich denn da schon mit? wie lange mache ich das schon mit? Man bemerke den Unterschied! Mitmachen mit dem Lächeln des Guten Morgen Sagens, mitmachen mit dem Lachen über den gelungenen Spruch von Hans, mitmachen beim Aufmuntern einer heute missmutigen Kollegin! Aber auch mitleiden ist angesagt. Dann nämlich, wenn ich plötzlich bemerke, dass ich beim Abliegen und Aufstehen oft schwindlig werde, dass die Einstellung beim Gerät, das die Arme stärken soll plötzlich für mich zu streng wird. Inflation der Gelenkschmerzen! Das Alter grüsst um die Ecke. Man ist eben heutzutage sehr lange Senior/Seniorin!

Inflation: dass alles teuer ist, merke ich von selbst! Meine kleine Enkelin möchte ein kleines Spielzeug. Sie wünscht es sich so sehr: es sei gar nicht teuer, meint sie, es koste nur elf Franken! Ich staune: meine Kinder nannten seinerzeit einen Betrag von einem Franken fünfzig „nicht teuer“. Ihr „Sackgeld“ wurde nach dem Preis eines Bürli berechnet. Die fünf Schuljahre Differenz ergaben so einen Sackgeld Aufschlag von 50% zwischen Nummer eins und Nummer drei meiner Kinder.

Inflationär ist auch die Menge der Erinnerungen, die ich mit mir herum schleppe, Erinnerungen, die eigentlich Geschichte sind. In meiner Heimatstadt wird das „alte“ Theater saniert. Dieses wurde eröffnet, als ich eine junge Frau war und mit Ballkleid und Stöckelschuhen an der festlichen Einweihung teilnahm. Das alte Theater ist für mich das neue Theater geworden und bis heute geblieben. Das wäre meine Relativitätstheorie, verständlich auch ohne Physik- und Mathematikkenntnisse!

So sah der Senior vor 100 Jahren aus! Uns kennt man ja!

Technisch unbegabt, oder doch nicht?

Da war wieder mal was gar nicht gut mit meinem liebsten technischen Freund, dem Laptop. Ich habe ja, wie alle wissen, auch noch so ein gescheites Teil, mein Handy. Auf diesem funktionierte in dieser schwierigen Zeit, wo mein liebster Freund ausscherte, alles perfekt. Das heisst ich war „connected“, ich gehörte dazu, ich hörte mit, wenn die Flöhe in Obersiggental husteten oder die Läuse in Kleinwenigen sich schneuzten, ja ich konnte sogar digital und zeitnah erfassen, was der Grosse Mann im Weissen Haus twitterte (wenn ich wollte). Nur bei meinem besten technischen Freund, dem Laptop, ging nichts mehr. Keine Mail erreichte mich. Hätte ich nicht mein gescheites Teil gehabt, ich hätte vielleicht ob so viel Unwissenheit Schaden genommen.

Doch mein PC Guru, Herr Weiss, half mit seiner Hotline. Er machte es natürlich rasch, damit ich bei seinem Minutentarif nicht allzu sehr ins Geldtäschchen greifen musste. Und siehe, da kamen sie eine um die andere, all die zu erwartenden Nachrichten. Ich schien gerettet!

Doch das Moderne Unheil nahm seinen Lauf: es ist klar, ich wollte weiter connected sein und auch meinen Senf zu all dem Unverzichtbaren Blödsinn dazu geben. Doch siehe da: keines meiner Schreiben konnte meinen lieben Laptop verlassen. Eine dieser kleinen giftigen Fehlermeldungen poppte regelmässig auf und teilte mir gewunden, aber verständlich mit: Deine Mitteilung kann nicht weitergeleitet werden. Gut Spanisch ausformuliert „no funcciona“!

Ein weiteres kostenpflichtiges Telefongespräch mit Herrn Weiss. Diesmal gingen die Kosten ins Geld. Als er sich ein weiteres Mal räusperte fragte ich, ob ich doch lieber vorbei kommen solle, was er etwas geknickt bejahte, da mein lieber Freund, der Laptop, „etwas mache, das er eigentlich gar nicht könne“. Darauf antwortete ich ihm – immer noch kostenpflichtig: „Ja, Herr Weiss, daran sehen Sie, dass es ohne Zweifel mein Gerät ist!“

Gäärn gscheh!

Als Jüdin bin ich von den Geschehnissen in Halle besonders betroffen. Am Vorabend des Hohen Feiertags der Juden, Jom Kippur, war ich in der Synagoge, um dem Kol Nidre beizuwohnen, dem feierlichsten Gebet der Juden.

Wie üblich war der Betsaal bewacht. Die Polizei war da, sowie private Überwachung. Der Rabbiner bat wie immer, den Bewachenden zu danken, was für mich selbstverständlich ist.

Auf meinem Heimweg steht an einer Strassenecke ein baumlanger, junger Polizeibeamter. „Guten Abend,“ sagt er freundlich, und ich erwidere seinen Gruss, und füge an „und danke vielmals“. Er lächelt und sagt – ehrlich und mit Überzeugung in seiner Stimme – „es isch gäärn gscheeh!“

Gerührt und beglückt von dieser aufrichtig gemeinten Aussage gehe ich nach Hause. In meinen Ohren klingen die alten Melodien nach. Ich fühle mich zugehörig: zu den Menschen, zu den Schweizern, zu den Juden! Gerne geschehen, ist so schön, viel schöner als das im Deutschen aufkommende „aber gerne“.

(Sephardische Synagoge in Bordeaux F.)