Noch einen Wunsch?

Der junge Verkäufer hinter den Speisefischen fragt seine Kundinnen jeweils „haben Sie noch ein Wünschlein?, bevor er die gekauften Fische einpackt und versiegelt.

Ich habe aus Zucht und nachhaltig gekauft, wie es sich im Greta Zeitalter gehört, und auf seine Frage nach dem Wunsch ebenfalls wie immer mit „bei Ihnen eigentlich nicht“ geantwortet. Er lacht und macht noch weiter Konversation. „Ich habe eigentlich auch keinen Wunsch, ich bin happy,“ strahlt er mich fröhlich an.

Ich strahle zurück und denke mir, wie sehr der Tag, die Woche, der Monat – das Leben – fröhlicher wird, wenn jemandem die Gnade der Anspruchs – losigkeit gegeben ist. Und an diesem für mich etwas eingetrübten Tag nehme ich mich an den Haaren und ziehe mich selbst aus der Wunschhaltung hinauf an die zufrieden machende Sonne!

Als ich zur alten Dame wurde

Es war an dem Tag in meinem Leben, als mir erstmals eine junge Frau im Tram ihren Platz anbot. Verwirrt stotterte ich, das sei doch wirklich nicht…, aber sie war schon aufgestanden, hatte auf dem Platz davor ein Kleinkind auf den Schoss genommen während sie sich setzte. Das Tram war sehr voll. Eine Gruppe Kindergärtler unter Aufsicht von drei jungen Frauen lärmte und murmelte abwechselnd dem Scheppern des Trams entgegen. Es war doch erst gestern gewesen, wo ich aufstand und einer grauhaarigen Dame Platz machte. Oder war es doch vorgestern? Ich beobachtete die Kleinen, die müde von ihrem Ausflug in den Zoo das Tram besetzt hielten.

Da fiel mein Blick auf einen Schwanz, oder mindestens sah es aus wie der Schwanz eines exotischen Tieres, eines Steppenhundes, vielleicht, oder ein Tiger ohne Streifen? Das Ding hing – so schien es mir – aus der grossen Umhängetasche eines bärenhaft aussehenden Typs mit riesigen Pranken, ich sah nur eine Hand von hinten. Ich studierte noch über die Art des Tieres nach, das einen solchen Schwanz haben könnte, als mein Blick über die grosse Tasche am Rücken des Bären hinauf glitt: Von seinem Haupte fielen zwei Stränge rötlich braunen Haares über den Rücken – unter der Tasche hindurch kamen sie zusammen gerollt und verfilzt schräg nach unten zeigend wieder hervor. Das also war das unbekannte Tier! Der Bär, es handelte sich offensichtlich um einen eher ungepflegten Mann hatte die zwei Stränge etwas oberhalb der Tasche  mit Lederriemchen zusammen gebunden. Wie war er denn dazu gekommen, fragte ich mich. Vielleicht hatte ihn jemand vor ein paar Monaten frisiert, sinnierte ich. Die junge Kindergärtnerin, die mir Platz gemacht hatte, schaute auch verwundert auf den interessanten Rücken. Unsere Blicke trafen sich, und wir lachten beide leise. Da hörte ich neben mir ebenfalls ein verstecktes Glucksen: ein Mann mit dem roten Turban der Inder hatte unsere Blicke bemerkt und war ihnen gefolgt. Seine Gebärde sagte, dass er nicht ganz einverstanden sei mit den Frisur Ideen des Bärenmannes. Dieser hatte offenbar bemerkt, dass er bestaunt wurde und drehte sich langsam zu uns. Dabei konnten wir sein gross flächiges, fleischiges Gesicht sehen. Er bediente sich aus einer Packung Apfelringli Bio und schob andächtig eines ums andere in den breiten Mund.

Inzwischen hatten sich die Kindergärtnerinnen verständigt sie müssten aussteigen. Flink holten sie ihre Schar zusammen. Die junge Dame, die mir Platz gemacht hatte, kehrte unter der Türe nochmals zurück und lief bis zuhinterst im Tram, um sicher zu stellen, dass man alle Kinder habe. Freundlich lächelte sie mir nochmals zu, bevor sie im letzten Moment aus dem Tram sprang.

Der Tag, wo ich zum ersten Mal wirklich eine alte Frau war, wurde so doch noch ein fröhlicher!

Privatsphäre

Le Moulin de Daudet

Das Geburtstagsfest war in vollem Gange. Die Kids hatten genug Cornflakes und Yoghurt gegessen und sassen friedlich am Boden vor einem grossen Haufen Lego. Sie waren zufrieden. Eine halbe Stunde zuvor hatten die Geschwister noch gegenseitig erklärt, sie liebten einander nicht mehr. Doch nun war die Eintracht der beiden mit den Kameraden wieder hergestellt.

Zufrieden über den Frieden der Kinder und die angeregte Konversation der erwachsenen Gäste, beugt sich die Jubilarin zu den ins Lego vertieften Kleinen. Ihr Handy hält sie bereit zum Schuss in der Hand. Ob sie ein Foto der Spielenden machen dürfe, fragt sie. Die proforma gestellte Frage wird sogleich mit grossem Ernst beantwortet: „Also von uns aus schon, aber du musst die Eltern fragen“, erhält sie als automatische Antwort.

Die Gastgeberin denkt einen Moment erstaunt nach. lächelt, schüttelt den Kopf und wendet sich an die Eltern. Für das Foto erhält sie die Erlaubnis, aber „nur für den Eigengebrauch, keinesfalls auf Facebook, Instagram, Twitter und Ähnlichem!!!!“

Ein bisschen nachdenklich geht die Jubilarin zurück, Das Foto wird in ihren eigenen Medien bleiben. Eigentlich auch ein bisschen schade: unter all dem Müll der VIPs, der Politiker, Akteure in Kunst und Medien wäre doch ein einfaches Bild von ein paar Kindern, die friedlich spielen, eine Wohltat!

Und der freundliche französische Autor, Daudet, würde ob all dem Getue über Privatsphären wohl mit einem Lächeln den Kopf schütteln.

In Memoriam

Es blühten dort keine Blumen und es zwitscherten keine Vögel

In diesen Tagen jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau durch russische Truppen zum 75 mal. Ich kann meinen Blog, diesen Kontakt mit einer mir unbekannten Umwelt, nicht ohne einige Worte zum Thema lassen.

Vor einem Jahr war ich dort. Der Ort ist unbeschreiblich grauenhaft im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Erinnerungen an diesen Besuch sind dennoch nicht ganz so intensiv, wie das, was ich als kleines Kind in Wirklichkeit sah. Aus Bergen Belsen und aus Ravensbrück kamen damals Männer und Frauen in meine Heimatstadt, St.Gallen. Sie sahen aus wie lebende Tote. Aschgraue Gesichter, ausgemergelte Körper. Was sie am Leibe hatten schlotterte. Ich erinnere mich wie meine Grossmutter, sie war eine der Frauen, die sich um diese Ärmsten kümmerte, mit abgelegter Kleidung und Nahrung zum Schulhaus ging, wo die Menschen untergebracht waren. Die Gaben wurden dort verteilt.. Das Grauen, das diese Menschen durchgemacht hatten schien ihnen aus allen Poren zu kriechen, und man meinte immer noch die Angst zu riechen, die sie in den letzten Tagen im KZ und auf den Todesmärschen empfunden hatten.

Die Familie H. kam dann regelmässig zu meiner Grossmutter zu Besuch. Herr H. war in St. Gallen gestorben. Einer der vielen, deren Grab auf dem dortigen jüdischen Friedhof liegt. Fast täglich wurde hier ein Opfer des Nazi Terrors beerdigt. Frau H. hatte eine grosse lila Beule im Gesicht. Eigenartig, wie diese Beule mich nach mehr als 75 Jahre immer noch irritiert. Frau H., ihre Tochter und ihr Sohn konnten später in die USA emigrieren.

Wenn ich heute die Dokumentationen sehe, die Medien aus diesem Anlass zeigen, so lerne ich neue Tatsachen kennen, neue Gräueltaten, neue geschichtliche Aspekte zum Thema. Es redet erstmals ein Deutscher Präsident auf Deutsch in Israel. Es wird gedacht und gebetet, geredet und gesendet, musiziert und gesungen. Nichts bringt die Toten zurück. Nichts gibt denen die überlebt haben die Zeit zurück, die sie verloren haben, und nichts hilft ihnen mit ihren Traumata fertig zu werden.

Sie werden aussterben, die Zeitzeugen. Ich bin „davongekommen“, Schweizerin, Jüdin, mit Erinnerungen an diejenigen, die gelitten haben. Ich bin nur im weiteren Sinn eine Zeugin, und auch ich, deren Erinnerungen aus der Kindheit unauslöschlich sind, nähere mich dem Endziel. Bitte lasst uns nie vergessen, lasst uns die Lehren aus dem Geschehen weiter tragen, auch wenn wir, die diese Zeit irgendwie miterlebt haben, nicht mehr dem Gedächtnis der Welt helfen können!

Das mit den Konfessionen

Angedeutet habe ich es schon, das mit den Konfessionen. Von meiner Warte aus ist es kaum erwähnenswert, denn mich beschäftigte und beschäftigt heute das Anti-Jüdische, der Antisemitismus, ein Vielfaches mehr.

Kürzlich aber haben wir uns über die Zeit unterhalten, wo wir Kinder waren, Kinder, kurz vor dem Ausbruch des Krieges geboren und mit dem Ende dieses Krieges grad mal so Primarschüler mit Denkvermögen. Es herrschte da ein längst entbrannter Rosenkrieg in den Dörfern und Städtchen, eine Unsitte sondergleichen, die für niemanden wegzudenken war.

Dieser Krieg wurde verbissen geführt. Der Beispiele sind viele, und mein LAP (LebensAbschnittsPartner) und ich vergleichen die Geschehnisse in seinem Heimatdorf und meiner Heimatstadt mit Vergnügen. Der Ausdruck, die Kirche solle im Dorf bleiben könnte ebenfalls auf diese Animositäten zurückgehen, die dann nach und nach zu einer wahrhaften Schlacht geführt haben. Bäckereien, Metzgereien und Spezerei Geschäfte gab es in jener Zeit noch eine Menge, selbst in der kleinsten Ortschaft reichte es meist für zwei Bäcker und zwei Metzger. Meist war dann einer katholisch und der andere reformiert. Es war selbstverständlich und wurde als Axiom angesehen: der katholische Bürger kaufte beim Katholiken und die Protestantin im reformierten Geschäft. Diese Gesetzmässigkeiten wurden argwöhnisch beobachtet. Hinter Vorhängen wurde rausgeblinzelt, wohin denn das mit Zöpfen gekrönte Mariannli nun steuerte, um ein grosses dunkles Brot einzukaufen. Tatsächlich: es ging zur falschen Bäckerei und, oh Schreck, gleich darauf holte es noch eine Bratwurst beim falschen Metzger. Was da wohl passiert war? Die Antwort ist nicht bekannt.

Auch die Hausfrauen schenkten einander nichts. Meine liebe Schwiegermutter war eine gläubige, konservative Katholikin. In einer katholisch orientierten Kleinstadt lebte sie mit ihrer Familie zur Miete bei Protestanten. Jahrelang war es Brauch, ja ich würde es Gesetz nennen, wie man betreffend Waschen und Putzen die Nachbarn so richtig ärgern musste.

Meine liebe Schwiegermama hielt den Karfreitag für den Tag des Grossputzens. Da blieb kein Möbel an seinem Platz, die Fenster mussten glänzen und alle Bettinhalte mussten über Gänge und Treppen mit Krach und Getrampel ins Freie gebracht werden. Möglichst unter Mithilfe der Kinder, die dazu auch noch lärmen und johlen durften. Die Vermieterin ihrerseits hielt Gegenrecht und benützte den Fronleichnams Feiertag stets, um Grosswaschtag in Verbindung mit grossem Reinemachen zu planen. Sie hängte gewaschene Teile auf, lärmte mit dem Staubsauger und krönte den Tag mit lautem Teppichklopfen. Unter dem Jahr waren die beiden Frauen von einer kühlen Höflichkeit zueinander. Aber an diesen Heiligen Tagen der jeweils anderen verwandelten sie sich in Hyänen. Jede war der Überzeugung, das gehöre sich so.

Die Zeiten ändern sich. Die Einwanderung, die Oekumene, die gemischten Schulen, und viele andere grosse und kleine Veränderungen haben diesen mit Überzeugung geführten Religionskrieg beendet. Im nahen Altersheim höre ich hie und da noch die eine oder andere Bewohnerin abschätzig von einer Nachbarin sagen, sie sei halt reformiert (oder katholisch).

Man kann ja nichts dafür…….