Frisuren und Abstände

Das Social Distancing treibt eigenartige Blüten: ich laufe der Gesundheit wegen. Unsere Seniorengruppe läuft jetzt jeder für sich. Denn mit zwei Meter Abstand lässt es sich -umso mehr als mit uns diverse Hörgeräte unterwegs sind – kaum mehr vernünftige Unterhaltung pflegen. Dass ich meine Dienstag Freunde vermisse, lässt sich nicht bestreiten. Werden sie mich denn noch kennen, wenn in in weiss nicht wie naher oder ferner Zukunft wieder mit allen Senioren, Seniorinnen und Hörgeräten laufen darf. Bis dann werde ich Corona Frisur IV tragen, und aussehen wie Frau Holle VI.

Ich freue mich so, meine Kolleginnen und Kollegen wieder zu umarmen! Mit Hörgeräten und Rapunzel Zöpfen!

Schlüsselblumen Geschichten

Was ich unter der Dusche kann, gelingt mir auch bei einem Waldspaziergang immer besser: ein klein wenig nachdenken, zurück gehen in meinem Leben, kleine Erlebnisse und Episoden hervor holen aus dem Fundus, der in meinem Hirn und meinem Herzen angelegt ist. ich erinnere mich, wie ich um diese Jahreszeit stets einen Strauss Schlüsselblumen gepflückt habe. Oft auf dem Heimweg von einer Frühlings Skitour, später aus der Wiese vor dem Bodenseehaus, manchmal einfach an einem kleinen Bach am Waldrand. Die Schlüsselblumen blühen nicht über eine lange Periode. Wenn sie verblüht sind, kann man sie kaum mehr entdecken, ihre Blätter verschwinden im spriessenden Grün rundum.

Von einer Skitour zurück kommend, fanden meine Freundin und ich so einen Ort, wo die kleinen Gelben üppig blühten, und wir griffen tüchtig zu. Claire setzte sich auf die Motorhaube meines kleinen Flitzers, hielt den gelben Strauss in die Höhe, und ich drückte ab. Es entstand ein Foto purer Lebensfreude, schwarzweiss damals natürlich.

Meine Tochter weinte im Bett. Sie konnte nicht einschlafen. Grosse Sorgen plagten sie, und sie mochte sich mir kaum anvertrauen. Endlich kam heraus, der Biologie Lehrer hatte den Auftrag gegeben Schlüsselblumen in die Schule zu bringen. Sie hatte keine mehr gefunden. Da sie in der Probezeit zum Gymnasium war, schien mir die Aufregung über den scheinbar unerfüllbaren Wunsch des spröden Professors verständlich. Mein Schlüsselblumen Riecher half uns: am Ufer eines versteckten Bächleins entdeckten wir am nächsten Morgen früh noch ein paar der Gesuchten. Gerettet!

Als ich selbst ungefähr in diesem Alter war, also ein Teenager, verwöhnte mich mein Opa Gaston nach Noten. Er hatte sonst niemanden, dem er seine Zuneigung zeigen konnte oder wollte. Einsam war der alte Mann, seine Tochter – meine Mutter- war schon lange gestorben, und auch seine Frau, mit der ihn eine Art Hassliebe verbunden hatte, weilte nicht mehr unter uns. Opa Gaston war wohlhabend und wollte gerne schenken. Wenn mir dann eines seiner Geschenke Freude machte, beeilte er sich, und kaufte gleich nochmals etwas ähnliches. So erhielt ich einen Pullover, der mir sehr gefiel. Es folgt unweigerlich ein weiterer, der mir keine Freude mehr bereitete. So ging es auch mit der grünen Vase: grünes Glas mit silberner Verzierung. Die erste war aus weissem Glas gewesen, die Silberverzierung waren Reiher. Die erste hat mich überwältigt, für die grüne habe ich danke gesagt!

meine Schlüsselblumen 2020 in Opas Vase

In dieser kleinen grünen Vase blüht jedes Jahr mein Schlüsselblumenstrauss. Die Weisse, die ich so gerne mochte, hat längst das Zeitliche gesegnet. Die Grüne, also sozusagen der „Ersatz“ hat überdauert: viele Jahrzehnte, von meinem Geburtshaus bis zu dieser Wohnung, die hoffentlich mein letztes Zuhause sein wird. So hat mich – mit vielen anderen Menschen – mein Opa Gaston begleitet.

Freuden 2

Freude suchen hier und da!

Es ist nötig, weiter nach Freuden zu suchen. Die Käfighaltung wird noch andauern und mein Schatz und ich organisieren unser zweites Rentnerdasein….

Gestern lag vor unserer Wohnungstüre ein frisch gebackener Zopf für den heutigen Sonntags „Zmorge“.und vorgestern kam ein duftendes Stück Apfelkuchen!

Das Klatschen als Dank für das medizinische Personal auf den Balkonen hat gut getan. Man sah Jung und Alt und man winkte sich zu, auch wenn nicht alle persönlich bekannt sind.

Was die Regierung und insbesondere das BAG mit Herrn Dr. Daniel Koch leisten, ist übermenschlich.

Die vielen Hilfe Ideen die publik werden, und auch die anderen – die stillen und bescheidenen – erwärmen. Das ist gut. Diese Woche soll es nochmals kalt werden.

Gestern habe ich die kleinen Enkel „gesehen“ im Video auf dem Handy. Sie haben mich vom Spielplatz aus umarmt und mir alles Gute gewünscht. Ich freue mich so darauf, ihre kleinen Gestalten live zu hören und zu sehen und – zu umarmen!

Von C. lese ich im Chat: Die Blumengeschäfte sind geschlossen! Die Ortstafeln in den Strasse ihrer Umgebung seien mit Blumen geschmückt. Auch ich vermisse den wöchentlichen Blumenstrauss. Bei meinem nächsten Spaziergang nehme ich eine Schere mit!

Meine Schwiegertochter lädt zu einem Family Dinner ein: wir sollen „Zoom“ einrichten. Dann können wir wieder einmal zusammen essen! Das haben wir letzten Freitag erledigt. War schön, die kids zu hören und zu sehen!

S. kommt aus dem Ticino, wo sie drei Monate lang war zurück. Sie hat überhaupt keinen Sinn, was da läuft. Sie denkt nur an sich und ihren Fiebermesser. Dabei geht es doch ums Ganze. Das spürt man bei uns im Haus. Es wird von den Balkonen aus Kontakt gepflegt. Ein freundliches Wort ist in diesen Tagen mehr wert als hundert Euro!

Es ist ruhig geworden im Quartier. Die Rasenmäher – oft als störend empfunden – lassen uns daran glauben, es kehre dann schon einmal die Normalität mit ihrer freundlichen Betriebsamkeit ein.

Berufsberatung Berufserfahrung

Angehende Erwachsene in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts

Mit fünf Jahren verkündete ich wolle Kindergärtnerin werden. Da sagte mein Vater mit ernster Miene „das geht nicht, das ziemt sich nicht für ein jüdisches Mädchen, da findest du nie eine Stelle!“

Später wollte ich Forscherin, Apothekerin, Praxisassistentin werden – alle meine Versuche, etwas zu werden, wurden stets mit demselben stereotypen Satz erstickt. Auch Tierärztin und Journalistin gehörten zu meinen Wunschvorstellungen, wie ich denn einst mein Leben fristen könnte. Papa war der Ansicht, ein reicher Mann, Kinder, eine Ahnung vom Führen eines Haushaltes und „eine Handelsschule, das kann nicht schaden“ wären Voraussetzungen für ein glückliches Leben seiner Tochter.

Auf einem raffinierten Schleichweg hatte ich Papa dazu gebracht, mich in der Kantonsschule anzumelden, und so war ich der Töchterschule mit ihrem Kurrikulum in Handarbeit und Kochen entflohen. Heute weiss ich, dass Papas Abneigung gegen die Mittelschule der Angst entsprang, Töchterchen könnte die Aufnahmeprüfung nicht schaffen, was er als Schande betrachtete!

Journalistin blieb immer noch auf der Wunschliste, als ich durch Zufall eine temporäre Anstellung in einem Verlagshaus im Sekretariat des Lektors erhielt. Es war der Anfang meines Berufslebens und eröffnete mir neue Einsichten. Der Verlag gab auch eine Zeitung heraus. Manchmal konnte ich einen der Redaktoren zu einem Theaterbesuch begleiten. Die Zeitungskritik durfte ich bald einmal als Entwurf abgeben. Offenbar wäre Journalistin doch nicht so falsch. Ich sparte mein Gehalt und schrieb mich zum Sprachstudium ein. Das hatte eher geographische Gründe. Die Uni lag unweit des Ortes, wo mein Freund seine Rekrutenschule absolvierte. Ich vermute, Papa hatte dies nicht von Anfang an durchschaut.

Nach weiteren Lehr- und Wanderjahren landete ich – zum grossen Vergnügen des Patriarchen- – da, wo er mich haben wollte: als Angestellte in seinem Betrieb. Als seine Sekretärin lernte ich unter Schweiss und Tränen vieles von dem ich heute weiss, es war gut für mich. Er war ein harter Lehrmeister. Privilegien genoss ich keine, eher Hindernisse und Erschwernisse. Ich war nun Sekretärin.

Meine Zeit als Familienfrau brachte es mit sich, dass ich allerlei Berufe aufs Mal ausübte. Ich muss diese nicht auflisten, sie sind jedem Menschen bekannt, der eine Familie mal näher studiert hat. Zu den üblichen kam mein Hobby, das Schreiben dazu. Später, als Papa und sein grosser Betrieb nicht mehr da waren, als die Familie in dieser Form nicht mehr da war, wurde ich wieder Sekretärin mit journalistischen Möglichkeiten, wie damals am Anfang im Verlag.

Und heute: Das Schreiben beschäftigt mich noch immer und bringt mir Freude. Als Sekretärin und Buchhalterin betätige ich mich ebenfalls. Was allen diesen Bemühungen im Alter gemein ist; sie sind nicht bezahlt. Hatte Papa also doch recht?

Freuden!

Gemäss dem Titel meines Blogs heute ein paar Stichworte zu den Freuden!

Enkelin Alessia ist in einer Zweitlehre. Sie ist zu Home Office eingeteilt. Ihr Chef teilte ihr mit: Wenn Du Zeit benötigst, um jemandem zu helfen, nimm sie dir. Sie geht für uns zum Arzt, Medikamente holen und in die Apotheke.

In unserem Miethaus wohnen mit uns 7 Partien. Von allen andern Bewohnern, die nicht Risikogruppen angehören, erhielten wir die ernst gemeinten Angebote: wir gehen für euch einkaufen, lasst es uns wissen.

Gleiche Angebote von den in der Nähe wohnenden Kindern und Enkeln.

Ein Tennisclub, sowie eine Altherren Organisation einer Studentengemeinschaft vermittelt Junge an Alte zwecks Hilfe.

Ich selbst – alt! -: Telefonieren gegen Viren (an solche denen die Einsamkeit zusetzt) und versuchen zu Heilen mit Schreiben.

Soviel für heute! Es wird bestimmt noch unangenehmer. Bleiben wir gesund, und waschen wir unsere Hände!

Von Pest und Cholera

Wie war das? Woran sind die Mayas erkrankt und dann ein verlorenes Volk mit einer bemerkenswerten Kultur geworden.

Im Mittelalter war die Erde noch kleiner – Für uns Abendländer waren die Grenzen etwa in Aleppo, im Zweistromland, in Ägypten und auf der anderen Seite auf den Kanarischen Inseln und in Nordafrika. In diesem Gebiet fand das kulturelle Leben statt, in diesem Rayon, wenn man so will, wurden Nachrichten ausgetauscht, in diesem Bereich redete man miteinander, bekämpfte man einander, trieb man Handel, und – man kannte die Völker, die Stämme und manchmal die Mitmenschen.

Man kannte auch Krankheiten: Pest, Lepra, Cholera. Ärzte reisten in diesen Regionen und versuchten zu heilen, wie es ihre Berufung war. Die tödlichen Erreger hatten den Vorteil, die Bevölkerungszahlen so tief zu halten, dass es weniger Hungersnöte gab. Eine natürliche Auslese wie sie in der Natur üblich geblieben ist, fand statt.

Unser Horizont ist unendlich geworden: wenn in Samoa einer öfter hustet, wissen wir es im gleichen Moment. Gut, dass die Tröpfchen nicht mit den schnellen Medien mit fliegen. Doch ist es für mich erstaunlich, wie diese „Corona“ gleichzeitig auf allen Erdteilen erscheint und zuschlägt. Ist dies unsere neue Pest und Cholera? Zuversichtlich, dass man der „Seuche“ Herr werden wird, schliesse ich nicht aus, sie sei dafür gut, unsere Gesellschaft zu entschleunigen. Vielleicht ist sie auch gut dafür, die natürliche Auslese der Stärkeren zu fördern.

Zu befürchten bliebe beim Letzterem allerdings, dass es dabei nur um körperliche Vergleiche ginge, nach dem Prinzip, der Stärkere überlebt. Zu wünschen wäre ein Virus, der dem Hass, der Intoleranz, dem Neid, der Selbstherrlichkeit und all den anderen Geisseln der Menschheit an den Kragen geht!

Halt! Fahrverbot!

Dichtestress

Vor ein paar Wochen fuhr ich mit dem Zug eine Kurzstrecke. Kaum ein Sitzplatz war frei. Mit fiel auf, wie nahe man sich in dieser Situation kommt. Gerüche von verschiedenen Mahlzeiten – es konnten meiner Meinung nach Frühstücke, Mittagessen, Vesper oder schon Abendessen sein – verflochten sich über den eng zusammen gerückten Köpfen. Angespannt, etwas verkrampft steckte da einer etwas von Hand Essbares in den Mund, sein Nachbar versuchte ebenso krampfhaft, Suppe aus einem Plastik Gefäss zu löffeln, wobei er verschämt mit den Augen herum suchte, wer in beobachte. Den Kopf konnte er nicht drehen, denn sonst wäre vielleicht das Plastik Geschirr dem Nachbarn der nicht ass, sondern wie alle andern Nichtesser am Handy herum hantierte, die Suppe über die Hosen geronnen.

Da kam dann schon die nächste Emission, diejenige die die Ohren strapaziert. Nicht genug, dass der junge Mann dem ganzen Abteil bekannt machte, er komme eine Viertelstunde später als verabredet zur Chorprobe (natürlich, deshalb hat er so ein tragendes Organ!) da schickt eine mittelalterliche Dame laut und deutlich eine Etüde von Chopin in den Raum, wiegt Hände, Beine und Kopf, summt mit – freut sich wohl auf die Klavierstunde?

Inzwischen, sagt man mir, sind die Zugabteile leerer geworden, Corona regiert! Bestimmt hat auch dieses neue „Event“ sein Schlechtes und sein Gutes. Es werden Menschen daran sterben, es werden Menschen krank. Man wird forschen und man wird finden. Eine Impfung, ein Heilmittel werden gefunden. Und zurück wird der Dichtestress kommen, oder nicht?

Die Sache mit den Konfessionen (2)

Esther war nicht katholisch. Bernadette schon. Esther trug ihren sechs-zackigen Stern, Bernadette ein kleines Kreuz um den Hals. Esther besuchte den religiösen Unterricht, wo sie andere Buchstaben und eine an Vokalen reiche Sprache lernte, Dieser Unterricht fand ausserhalb des Schulhauses, das beide Mädchen besuchten, statt. Wenn Bernadette Religionsunterricht hatte, kam ein Kaplan in schwarzer Kutte und erzählte vom Heiland. Er verteilte die beliebten Heiligenbildchen, wenn seine Schülerinnen nachweisen konnten, regelmässig die Christenlehre besucht zu haben. In der gleichen Stunde sass Esther zusammen mit den protestantischen Schülern in der Schulstube und lernte Kirchenlieder und Biblische Geschichte. Sie lernte leicht auswendig und die Bibel fand sie spannend, so war sie eine der Besten in dieser Gruppe.

Esther und Bernadette mochten einander, hatten einen gemeinsamen Heimweg und ein gemeinsames Interesse: die Wilden Tiere. Bernadette kannte sie alle: sie sprach von Löwen und Elefanten, von Zebra und Nashörnern, wie wenn sie mit ihnen zusammen im Garten gespielt hätte. Andächtig und bewundernd hörte Esther der Freundin zu, und warf ab und zu eine Bemerkung ein, die bewies, dass auch sie sich mit dieser Fauna ein wenig auskannte.

Bernadette verkündete eines Tages stolz, sie werden Ordensfrau und gehe in die Mission. Esther wollte das natürlich auch sehr gerne, weil Bernadette erklärte, die Mission sei in Afrika und so würde sie alle ihre geliebten Wilden Tiere sehen und erforschen können. Esther war tief betrübt, als Bernadette ihr erklärte, das sei vollkommen unmöglich: denn du bist jüdisch – da kommen nur Katholiken hin.!

Epilog: als gestandene Grossmütter sind Bernadette und Esther, jede mit der eigenen Familie, auf Safari gewesen. Bernadette kennt sich immer noch etwas besser aus mit der wilden Fauna als Esther. Und sie mögen einander noch immer!

Als ich zur alten Dame wurde

Es war an dem Tag in meinem Leben, als mir erstmals eine junge Frau im Tram ihren Platz anbot. Verwirrt stotterte ich, das sei doch wirklich nicht…, aber sie war schon aufgestanden, hatte auf dem Platz davor ein Kleinkind auf den Schoss genommen während sie sich setzte. Das Tram war sehr voll. Eine Gruppe Kindergärtler unter Aufsicht von drei jungen Frauen lärmte und murmelte abwechselnd dem Scheppern des Trams entgegen. Es war doch erst gestern gewesen, wo ich aufstand und einer grauhaarigen Dame Platz machte. Oder war es doch vorgestern? Ich beobachtete die Kleinen, die müde von ihrem Ausflug in den Zoo das Tram besetzt hielten.

Da fiel mein Blick auf einen Schwanz, oder mindestens sah es aus wie der Schwanz eines exotischen Tieres, eines Steppenhundes, vielleicht, oder ein Tiger ohne Streifen? Das Ding hing – so schien es mir – aus der grossen Umhängetasche eines bärenhaft aussehenden Typs mit riesigen Pranken, ich sah nur eine Hand von hinten. Ich studierte noch über die Art des Tieres nach, das einen solchen Schwanz haben könnte, als mein Blick über die grosse Tasche am Rücken des Bären hinauf glitt: Von seinem Haupte fielen zwei Stränge rötlich braunen Haares über den Rücken – unter der Tasche hindurch kamen sie zusammen gerollt und verfilzt schräg nach unten zeigend wieder hervor. Das also war das unbekannte Tier! Der Bär, es handelte sich offensichtlich um einen eher ungepflegten Mann hatte die zwei Stränge etwas oberhalb der Tasche  mit Lederriemchen zusammen gebunden. Wie war er denn dazu gekommen, fragte ich mich. Vielleicht hatte ihn jemand vor ein paar Monaten frisiert, sinnierte ich. Die junge Kindergärtnerin, die mir Platz gemacht hatte, schaute auch verwundert auf den interessanten Rücken. Unsere Blicke trafen sich, und wir lachten beide leise. Da hörte ich neben mir ebenfalls ein verstecktes Glucksen: ein Mann mit dem roten Turban der Inder hatte unsere Blicke bemerkt und war ihnen gefolgt. Seine Gebärde sagte, dass er nicht ganz einverstanden sei mit den Frisur Ideen des Bärenmannes. Dieser hatte offenbar bemerkt, dass er bestaunt wurde und drehte sich langsam zu uns. Dabei konnten wir sein gross flächiges, fleischiges Gesicht sehen. Er bediente sich aus einer Packung Apfelringli Bio und schob andächtig eines ums andere in den breiten Mund.

Inzwischen hatten sich die Kindergärtnerinnen verständigt sie müssten aussteigen. Flink holten sie ihre Schar zusammen. Die junge Dame, die mir Platz gemacht hatte, kehrte unter der Türe nochmals zurück und lief bis zuhinterst im Tram, um sicher zu stellen, dass man alle Kinder habe. Freundlich lächelte sie mir nochmals zu, bevor sie im letzten Moment aus dem Tram sprang.

Der Tag, wo ich zum ersten Mal wirklich eine alte Frau war, wurde so doch noch ein fröhlicher!

Privatsphäre

Le Moulin de Daudet

Das Geburtstagsfest war in vollem Gange. Die Kids hatten genug Cornflakes und Yoghurt gegessen und sassen friedlich am Boden vor einem grossen Haufen Lego. Sie waren zufrieden. Eine halbe Stunde zuvor hatten die Geschwister noch gegenseitig erklärt, sie liebten einander nicht mehr. Doch nun war die Eintracht der beiden mit den Kameraden wieder hergestellt.

Zufrieden über den Frieden der Kinder und die angeregte Konversation der erwachsenen Gäste, beugt sich die Jubilarin zu den ins Lego vertieften Kleinen. Ihr Handy hält sie bereit zum Schuss in der Hand. Ob sie ein Foto der Spielenden machen dürfe, fragt sie. Die proforma gestellte Frage wird sogleich mit grossem Ernst beantwortet: „Also von uns aus schon, aber du musst die Eltern fragen“, erhält sie als automatische Antwort.

Die Gastgeberin denkt einen Moment erstaunt nach. lächelt, schüttelt den Kopf und wendet sich an die Eltern. Für das Foto erhält sie die Erlaubnis, aber „nur für den Eigengebrauch, keinesfalls auf Facebook, Instagram, Twitter und Ähnlichem!!!!“

Ein bisschen nachdenklich geht die Jubilarin zurück, Das Foto wird in ihren eigenen Medien bleiben. Eigentlich auch ein bisschen schade: unter all dem Müll der VIPs, der Politiker, Akteure in Kunst und Medien wäre doch ein einfaches Bild von ein paar Kindern, die friedlich spielen, eine Wohltat!

Und der freundliche französische Autor, Daudet, würde ob all dem Getue über Privatsphären wohl mit einem Lächeln den Kopf schütteln.